06 Kalt, kalt, kalt in Krasnojark

Ich war ja durchaus darauf eingestellt, dass ich mich warm anziehen muss, doch dass es in Sibirien Mitte Mai noch unter den Gefrierpunkt gehen würde, darauf war ich nicht gefasst, als ich heute morgen etwa 300km westlich von Krasnojark auf’s Moped stieg und die ersten 200km bei Minustemperaturen zurücklegen musste. Da half nicht einmal mehr der Windschatten des LKWs, dem ich so nah auf die Pelle rückte, dass ich fast hätte hinlangen können.

Etwas später – die Temperatur ist bei ganzen 2 Grad angekommen – sehe ich vor mir einen einsamen Fahrradfahrer mit großem Schweizer Kreuz auf dem Rücken. Ich fahre neben ihn und wir tauschen uns kurz aus – stehen bleiben will keiner von uns beiden! Er – so um die sechzig und sehr drahtig – ist auf dem Weg von Novosibirsk nach Ulan Bator, was so gerade mit seinem 30-Tage Touristenvisum hinkommt. Am 9. Juni nimmt er dann den Flieger aus der Mongolischen Hauptstadt zurück nach Zürich. Es ist für ihn die Fortsetzung seiner letztjährigen Radtour von Moskau nach Novosibirsk. Ich fahre ja selbst gerne mit dem Rad, doch worin der Reiz dieser Radtour über tausende Kilometer von Fernstraßen, die nur so von dreckaufwirbelnden LKWs wimmeln, besteht, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Mir ist das schon bei 90km/h zu öde! Wie sagt der Kölner so schön? „Jede Jeck is anders.“ – wohl wahr!

Das war dann auch der einzige Höhepunkt des heutigen Tages. Die Stadt Krasnojark war eher enttäuschend, was aber auch daran gelegen haben mag, dass ich bei der Kälte nicht allzu weit in der Stadt rumlaufen mochte. Toll war die „Stolowaja“ eine öffentliche Kantine, die von den Menschen rund um die Uhr 24/7!!! aufgesucht wird. Dort habe ich mich bei Soljanka und Kohlschnitzel – eine Spezialität aus frittiertem Kohl – aufgewärmt.

Danach habe ich noch gut 200km abgerissen und bin jetzt in einem Motel in Kansk abgestiegen. So wie auch gestern nach 500 ereignislosen Kilometern von Novosibirsk. Es war mir schon vorher klar, dass die Fahrt durch Russland zu einem großen Teil nur Vorwärtskommen bedeuten würde. Und so ist es auch. Mein Freund Ralf schreibt im Blog, ich solle doch den Anker werfen, denn ich sei viel zu schnell unterwegs. Das stimmt! Doch weder die Landschaft, noch die Orte und schon gar nicht die Kälte laden irgendwo zum Verweilen ein! So hoffe ich auf den Baikalsee, den ich in 2 Tagen erreichen werde. Dort möchte ich gerne länger bleiben, sofern das Wetter mitspielt. Die Apple Wetter-App zeigt dieser Tage traumhaftes Wetter für Irkutsk mit viel Sonne und bis zu 23 Grad! Leider soll es ab Samstag bedeckt und ab Dienstag regnerisch werden. Naja, bis dahin kann sich noch viel ändern.

Apropos Wetter App: die auf dem iPhone vorinstallierte konnte mich bislang in Europa nicht überzeugen, doch hier ist sie ein wahrer Schatz. Mit quasi minutiöser Präzision warnt sie mich zuverlässigst vor jedem Regen. So konnte ich bislang mit Ausnahme der 100km vor Ekaterinburg die gesamten 7.400 zurückgelegten Kilometer im Trockenen fahren!

Während die Fahrerei nicht viel Erhellendes zu bieten hat, so waren die privaten Besuche in Karasuk (davon berichtete ich im letzten Beitrag) und in Novosibirsk um so interessanter. In Novosibirsk besuche ich Nadja, die Freundin von Tatjana. Sie hat als Hebamme diese Woche Urlaub und sich deshalb bereit erklärt, mich aufzunehmen und mir Novosibirsk zu zeigen – wie nett! Ich fahre also am Montag die 400km von Karasuk nach Novosibirsk bei schönem Wetter und noch erträglichen Temperaturen von 7-11 Grad. Genau genommen fahre ich nicht nach Novosibirsk sondern nach Akademgorodok -20km südlich davon. Dies ist eine in den Fünfziger Jahren aus dem Boden gestampfte Wissenschaftsstadt, die Nikkita Chrustchow ins Leben rief, um Forscher aus aller Welt mit besten Forschungsbedingungen nach Sibirien zu locken. Das ist ihm wohl ganz gut geglückt, denn hier sind bedeutende Institute und Kliniken angesiedelt, die Akademgorodok zum Silicon Valley des Ostens werden ließen. Und auch Putin setzt auf diese Karte, wie er mit dem jüngst eingeweihten Technologiezentrum – einem architektonischen Meisterwerk – eindrucksvoll unter Beweis stellte.

Ich komme also am Montag zur angekündigten Zeit nach Akademgorodok und finde auf Anhieb Nadja’s Adresse. Ich bin ein wenig schockiert ob des baufälligen Holzhauses in dem sie wohnt

und muss mich erst einmal mit der Nomenklatur der Russischen Adressangaben vertraut machen. Hausnummer 9-11 bedeutet nämlich kein Doppelgrundstück, sondern Hausnummer 9, Wohnung 11. Klingeln und Namensschilder gibt’s hier nämlich nicht.

Ich klopfe also im Erdgeschoss an der Tür mit der Nummer elf. Sofort wird mir geöffnet. Nadja, eine sehr freundliche Sechzigerin, begrüßt mich mit einer herzlichen Umarmung und bittet mich herein. Sie stellt mir sogleich ihren Mann vor, der hier im Erstbezug seit 60 Jahren in der Wohnung lebt, in die er mit seinen Eltern als Siebenjähriger einzog. Entsprechend hat er die Wohnung (sein Eigentum) im Laufe der Jahre immer wieder modernisiert mit neuen Fenstern und Türen, sodass die Wohnräume ganz OK sind. Von Bad und Küche kann man das nicht sagen.

Nach der Begrüßung und einer Einweisung in die Familienverhältnisse – anhand der zahlreich ausgestellten Photos – organisiert mir Nadja ungefragt erstmal eine Garage für’s Moped. Der Nachbar oben darüber hat 3km entfernt eine Autowerkstatt, die für die kommende 2 Tage mein Gefährt warm und sicher beherbergen wird. Dann zeigt mir Nadja noch Akademgorodok, das Forschungszentrum, ihre Arbeitsstelle in einer Privatklinik, die Einkaufstraße und das Wasserkraftwerk am majestätischen Ob, an dem Akademgorodok liegt.

Zurück zuhause ist mittlerweile die Tochter Julia mit Enkelin Christina (16) eingetroffen. Gemeinsam essen wir zu Abend und der Großvater nutzt die Englischkenntnisse seiner Enkelin, um mir über die Glorie des Russischen und vormals sowjetischen Militärs zu dozieren. Alle Frauen im Raum verdrehen die Augen und es zeigt sich schnell das in aller Welt gleiche Rollenbild: Die Frauen machen und tun, halten das Leben und die Familie aufrecht, während die Kerle groß daher reden und ansonsten feist im Sessel sitzen, sich bedienen lassen und die Sportsendungen verfolgen.

Nachdem sich Tochter und Enkelin verabschiedet haben, taucht Enkel No.2 auf (21). Er ist der Sohn der älteren Tochter und als Kadett in der 2km entfernten Kaserne stationiert und hat bis 24 Uhr Ausgang, den er für einen Besuch der Großeltern nutzt. Es entsteht ein sehr nettes Gespräch und gegen halb zwölf gehen wir schlafen und der Enkel in die Kaserne.

Am Dienstag kommt dann die Tochter mit ganzer Familie. Während Tochter Christina in der großelterlichen Wohnung Mathe-Nachhilfe bekommt, fährt uns Andrei – der Schwiegersohn – in seinem Land Cruiser nach Novosibirsk zu einer Sightseeingtour. Wir sehen das Theater, das unvermeidliche Lenindenkmal und den eindrucksvollen Bahnhof von Novosibirsk.

Hier werden in prunkvollen Hallen und Wartesälen täglich 70.000 Passagiere abgefertigt. Auch moderne Architektur und eindrucksvolle Brücken hat Novosibirsk zu bieten. Schlussendlich noch eine unscheinbare, kleine Kirche, die angeblich genau auf dem Flächenschwerpunkt Russlands steht.

Nach 2 Stunden geht’s zurück nach Akademgorodok, wo ich mit der Wohnung der Tochter im 14. Stock eines modernen Hochhauses das Kontrastprogramm zur großelterlichen Wohnung präsentiert bekomme. Eine Tip-Top moderne und großzügige Wohnung mit 1a Standard in Bad und Küche. Dazu eine Superaussicht über den gewaltigen Fluss Ob – ein Traum! Allein der Aufzug und die öffentlichen Gänge im Haus sind sehr lieblos, ja menschenverachtend gestaltet.

Nach diesem Intermezzo geht’s zurück zu Nadja zum Abendessen. Dabei ereifert sich Andrei sehr engagiert, mich von meinen Reiseplänen nach Magadan abzubringen. Er hält dies für eine sehr schlechte Idee und belegt dies mit zahlreichen Internetseiten. Demnach war der letzte Winter ungewöhnlich schneereich und lässt jetzt nach der Schneeschmelze die Flüsse über die Ufer treten. In Jarkutsk werden derzeit ganze Landstriche evakuiert, um die Anwohner vor den Fluten zu schützen. Die Piste von Jarkutsk nach Magadan verläuft ohne Brücken durch zahllose Flüsse, die aber besonders für Motorräder nur bei flachen Wasserständen zu schaffen sind. Auch wenn ich es nicht wahr haben will, so hat Andrei einen validen Punkt getroffen. Dabei hatte mich gerade erst Ariane auf eine glänzende Idee gebracht. Nämlich von Magadan zu versuchen auf einem Frachtschiff nach Wladiwostok zu kommen. Das hätte mir zum einen die zweimalige Fahrt auf den 3.000km nach Magadan erspart und zum anderen überhaupt erst beide Ziele – Magadan und Wladiwostok – in den Zeitplan untergebracht.

Jetzt bin ich reichlich verunsichert. Ich werde wohl den Abstecher nach Jarkutsk machen, um mich selbst von der Unmachbarkeit der Magadanpiste zu überzeugen, werde aber kein Risiko eingehen und im Zweifelsfall wieder zurück und dann nach Wladiwostok fahren.

Ich verabschiede mich von der Familie der Tochter und sinniere im Bett noch lange über die Erlebnisse der letzten beiden Tage. Mich hat das enge und sehr lebhafte Familienleben über 3 Generationen sehr beeindruckt. Auch der lässige Umgang mit Mangel und Unzulänglichkeiten kann einen zum Nachdenken anregen.

Es waren zwei interessante Tage in sehr herzlicher Atmosphäre und so fällt der Abschied gestern morgen entsprechend beklemmend aus. Nadja bekreuzigt mich noch zum Schutz auf meiner weiteren Reise, und die verläuft ebenso problem- wie ereignislos, wie eingangs beschrieben!

2 Gedanken zu “06 Kalt, kalt, kalt in Krasnojark

  1. Uli schreibt:

    Hallo Wolfram,
    ich freue mich jedesmal über Deine Berichte. Klasse, dass Du auf Deiner Route nette Menschen besuchen kannst. Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft ist toll. Ich drücke Dir die Daumen, dass es etwas wärmer wird. Auf den Baikalsee – natürklich den Bericht – bin ich gespannt.

    Weiterhin alles Gute

    Uli

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  2. tatjanaphysiogmxde schreibt:

    Hallo Wolfram , sehr sehr interessante Beschreibungen . Danke , dass du das nicht so trocken rüberbringst , du schreibst auch was du in dem Moment fühlst oder denkst …- das machen deine Berichte sehr wehrtvollund besonders interessant ! Ich empfehle dir irgendwann ein Buch darüber zu schreiben ! Du kannst es . Ich wünsche dir Wärme – mindestens Sonne… ! Und gute Wege . Liebe Grüße Tanja

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