05 Zu Besuch in Karasuk

Am Tag nach dem großen Feiertag fahre ich bei frostigen 3 Grad nach Tjumen, der ersten Stadt in der Westsibirischen Tiefebene. Wunderschön ist sie am Ufer der Tura gelegen. Ich wärme mich in einem typischen Mittagsimbiss auf und genieße eine Auswahl an Speisen von Soljanka über Huhn mit Bohnenreis und ein Bliny (Pfannkuchen). Dazu trinke ich Kwast – ein erfrischendes Gebräu aus Schwarzbrot und Rosinen. Klingt seltsam, ist aber lecker!

So gestärkt und aufgewärmt laufe ich die Stadtbeschreibung aus dem Reiseführer ab, staune über die vielen Unis und begegne gleich dem unvermeidlichen Lenin.

Die Promenade an der Tura und eine spektakuläre Fußgängerbrücke über besagten Fluss reizen meine Blicke, wobei das ganze bei Sonne noch viel schöner sein muss.

Aber auch sozialistischer Baustil – gerne auch mal als Investitionsruine – oder runtergekommene alte Pracht prägen das Stadtbild, ebenso wie ein unerträglicher und schmutziger Straßenverkehr. Atemmasken wären hier angebracht!

Für etwas Verwirrung sorgt bei mir ein Aufkleber auf einer Heckscheibe eines Autos, den dieses zum gestrigen Feiertag als Schmuck erhielt. Darauf heißt es „nach Berlin!“ über einem Kampfpanzer. Wie soll man das verstehen? Steht das im Zusammenhang mit der Äußerung eines Russens gestern an einer Tankstelle, der mir seine Meinung zu unserer Kanzlerin mit „Меркель не хорошо!“ (Merkel nicht gut!) aufdrängte?

Ich verlasse Tjumen, das noch tief in den Aufräumarbeiten nach dem Feiertag steckt, nunmehr in 5 Lagen gewickelt (habe die Regenjacke als gute ISO-Schicht entdeckt) und fahre bei immerhin schon 7 Grad Richtung Omsk. Das Wetter berappest sich und im Windschatten eines LKW schaffe ich an diesem Abend noch über 300km. Das liegt aber auch daran, dass links und rechts der Straße riesige Wasserflächen keinerlei Möglichkeit für eine Schlafplatzsuche erōffnen. Motels machen sich zudem auch noch rar, und so muss ich wieder mit einem Zimmer vorlieb nehmen, das gerade noch vor der Dunkelheit im Dämmerlicht rechts der Straße auftaucht. Diesmal ohne eigenes Bad, doch sehr sauber, neu und mit 350 Rubel schon beschämend günstig: 4,70 €!

Am 11. Mai erreiche ich mit Omsk die zweitgrößte Metropole Sibiriens. 1,2 Mio. Menschen leben hier. Eine Zeitzone überspringend bin ich hier plötzlich 5 Stunden vor der Berliner Zeitrechnung. Die Temperatur kommt so langsam in erträglichere Zonen. Es sind 12 Grad, doch pfeift hier an der Mündung der Om in den Irtys ein eisiger Wind.

Ich esse in einer der zahlreichen шаума-Buden eine mit Salat und Fleisch gefüllte Teigtaschen und komme nicht darum herum, kurze Zeit später auch noch im Café Berlin auf einen Kakao einzukehren. Dieser kostet in diesem Nobel- Établissement glatt halb soviel wie die letzte Übernachtung!

Das Zentrum von Omsk beeindruckt mit seinen sauberen und piekfeinen Ladenstraßen, in denen sich Prada und Gucci dem zahlungskräftigen Oligarchen präsentieren. Irgendwie eine schizophrene Welt!

Und weil er überall in Russland so unvermeidbar ist: Auch hier wieder der überlebensgroße und richtungsweisende Lenin!

Aus Omsk heraus schaffe ich bei strahlendem Sonnenschein und nunmehr 13 Grad noch knapp 100km in Richtung der sibirischen Hauptstadt Novosibirsk. Heute finde ich links in guter Entfernung zur Straße einen absolut idyllischen Schlafplatz am Waldrand in schönster Abendsonne, der zudem auch noch auf trockenen Feld- und Waldwegen gefahrlos zu erreichen ist.

So richtig kuschelig ist’s allerdings nicht, denn hier bläst ein starker – ja fast stürmischer – Wind! Wie sich herausstellt verläuft in nur 2km Entfernung die Transsibirische Eisenbahntrasse, genau da wo der Wind herkommt, und so hört es sich fast an, als schliefe ich auf dem Gleis. Kommt noch überraschend hinzu, dass die Zugdichte die vom Gotthard-Eisenbahntunnel bei weitem in den Schatten stellt. Alle 2 Minuten rollt ein Zug vorbei – zumeist endlose Güterzüge und selten mal ein Personenzug. Heute habe ich an einer Tanke Honigwaffeln erstehen können und genieße diese tagebuchschreibend im warmen, kuscheligen Zelt, während Frau und Tochter mich mit Bildern am Kleiderkauf für die bevorstehende Reise zu einer Hochzeit in Kolumbien teilhaben lassen. Irres digitales Zeitalter!

Am 12. Mai fahre ich auf einen Abstecher nach Karasuk. Im Gepäck habe ich einen Umschlag, den mir Tatjana – Ariane’s und meine mittlerweile zur Freundin gewordene Physiotherapeutin – für ihre Schwester mitgegeben hat. Tatjana ist in einem kleinen Dorf Октябрьское (so heißen hier übrigens zu Ehren der Oktoberrevolution sehr viele Dörfer) bei Karasuk als Russlanddeutsche aufgewachsen. 1992 ist die gesamte Familie (7 Geschwister und die Mutter) mit Ausnahme eben dieser Schwester – sie heißt Valentina – nach Deutschland (Berlin) ausgewandert. Nun lebt Valentina mittlerweile ganz allein mit 56 Jahren in ihrer sibirischen Heimat, ganz nah der kasachischen Grenze und überlegt, ob sie jetzt noch – 26 Jahre später – hinterhergehen soll.

Ich verlasse also die Magistrale Omsk-Novosibirsk südwärts und erreiche nach 250km Piste und schlechte Straßen Karasuk.

Ich miete mich für 2 Nächte im Hotel „London City“ ein, verbringe einen sehr interessanten Abend mit Valentina, werde lecker mit Pelmini (Teigtaschen) bekocht, lerne über unzählige Photoalben viel Familiengeschichte und erlebe, was es heißt im sibirischen Alltag zu (über) leben.

Am heutigen Tag mache ich mich mit leichtem Moped auf nach Октябрьское, um TatjAna ein paar Photos ihrer seit 26 Jahren verlassenen Heimat zu schicken. Ich habe ja schon viele traurige Dörfer in Russland gesehen, aber so abgeschieden und ohne jegliche „Attraktion“ wie dieses Dorf – einfach auf die platte Tundra gesetzt – das hat mich schwer berührt. Ich verkrümme vor Hochachtung bei der Vorstellung, wie jemand hierher kommt und mit Familie 6.000km weit entfernt ein neues Leben beginnt und dort so toll Fuß gefasst hat, eine neue Ausbildung macht und jetzt eine hoch angesehene Physiotherapiepraxis erfolgreich führt – Chapeau!

Tief beeindruckt fahre ich zurück nach Karasuk und schaue mir dort noch das wenige Sehenswerte an. Dazu zählt der überraschend pompöse Bahnhof and der Transsiblinie. Die Bahnhofsuhren zeigen entlang der gesamten Strecke über 9 Zeitzonen stets Moskauer Zeit. Ansonsten erhellt noch die Kirche mein Auge, aber leider ist diese geschlossen.

Ich verabschiede mich noch von Valentina in der Apotheke, in der sie arbeitet, nehme ein kleines Abendessen in einer Art Kantine, in die die Nachbarschaft zum einfachen Essen kommt (eine Empfehlung Valentinas) und verarbeite nun blogschreibend die Lehrstunden der letzten beiden Tage. Dabei bereite ich mich mental auf die nächste Etappe nach Novosibirsk vor, wo ich eine Freundin von Tatjana treffen werde, die mit etwas von der Stadt zeigen will.

6 Gedanken zu “05 Zu Besuch in Karasuk

  1. tatjanaphysiogmxde schreibt:

    ….ich bin dir sehr dankbar , dass ich mit deiner Hiilfe so intensiv meine Heimat spüren und teils sehen konnte , vor allem , dass du am Grab von meiner Vater warst … danke dir für die Bilder . Schön , dass du meiner Schwester einiges plausibel gemacht hast , es wird ihr sicherlich sehr helfen eine richtige Entscheidung zu treffen : einsam ohne Geschwister weiterleben oder zu uns zu kommen . Und ich habe wahrgenommen – wo ich im Leben stehe ! Lieber Wolfram weiterhin tolle Ortschaften , schöne Städten , unberührte Natur , interessante Leute !!!! Entspanne dich , dein Kompass ist immer noch dein Bauch ! Genieße deine Reise ! Gruß von Tanja

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  2. tatjanaphysiogmxde schreibt:

    Hallo Woufram , ich möchte unbedingt noch zu dem Aufkäber ( Symbol) , was du auf dem Auto gesehen hast was sagen – schreiben , das ist auf gar kein Fall auf die Außenpolitik der – A. Merkel bzw- Deutschland zurück zuführen! Ich bin kein Mensch , der über Politik diskutiert . Ich bin wirklich sehr neutral ( ich habe im Leben andere Preoritäten – grammatikalisch richtig -??! ) . Dieses Symbol kenne ich aus der Schulzeit ( seit 36. Jahren raus aus der Schule) , da war Merkel noch nicht Bundeskanzlerin,. Das Symbol steht für – 09. Mai – Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg . Du wahrst doch zu der Zeit dort … Der Russe ist sehr stolz darauf , dass die die Jenige waren , die das geschafft haben , die Sowjetische Flage auf dem Reichstag aufzuspannen.

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  3. Ralf Geister schreibt:

    Hey Wolfram, werf den Anker – Du bist zu schnell 😉 Habe gerade mal Deine Strecke auf der Weltkarte eingezeichnet: über 6000km in 14 Tagen – *krazzz*
    Freut mich jedenfalls, dass Du diesen Blog schreibst und ich ein wenig folgen kann. Enorm, was Du auf dem kleinen Handy alles tippst.
    lg Ali

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  4. ckusserow schreibt:

    Lieber Wolfram, Christian hat mir heute Deinen Blog gezeigt und ich lese mit großen Augen Deine Berichte. Ich finde es echt klasse, dass Du zu dieser Reise aufgebrochen bist; meines Erachtens gehört da eine gehörige Portion Mut dazu!! Ich werde Dich auf jeden Fall weiter „verfolgen“ und wünsche Dir auch noch ganz viele neue Eindrücke, Landschaften, Leute und Begegnungen. Genieße jede Minute dieser Reise und lass uns ein bisschen daran teilhaben. Liebe Grüße Heike Kusserow

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  5. celli95 schreibt:

    das klingt nach einer katastrophal lauten Nacht im Zelt, da hätte ich gleich noch mehr Bidler geschickt, hätte ich das gewusst!
    Du erfindest dich ja komplett neu gerade! Zuhause mach ich dir erstmal ein Gericht mit Roter Bete und Rosinen 😀 :*

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