07 Schlechtwetterpause in Irkutsk

Wer sagt eigentlich, dass hier kontinentales Klima herrscht, wenn es auch zum Sommer hin kalt und feucht bleibt? Von Kansk bin ich in 2 Tagen die 850km nach Irkutsk gefahren, ohne dass es eine nennenswerte Abwechslung gegeben hätte. Alles beim alten: Temperaturen zwischen 1 und 7 Grad, überwiegend bewölkt und bis auf ein paar ganz kurze Schauer trocken. Dazu weite Felder und Hügel von Birkenhainen unterbrochen. Aber immerhin treiben hier die Birken schon in leuchtendem grün aus, was mit den Pinienbäumen zusammen häufig eine schöne Melange darbietet. Bislang waren die Bäume noch komplett kahl. Das größte Highlight war da noch das Motel in Kuytun, das mir für gerade mal 900 Rubel (12€) das bislang schönste Zimmer bietet. Nachts gibt es dann noch eine Showeinlage direkt vor meinem Fenster, als ein Auto mit offensichtlich betrunkenen jungen Männern in den tiefen Straßengraben rauscht und sich daraus mit eigener Kraft nicht mehr befreien kann. Eine Horde alkoholisierter Männer läuft planlos und dafür laut gröhlend um das havarierte Gefährt herum, ohne auch nur das geringste zur Lösung des Problems beizutragen. Die zwischenzeitlich vorbeischauende Polizei sieht auch keinen Handlungsbedarf und zieht ohne Alkoholkontrolle von dannen – NORMAAAALNA! Am Ende muss ein schwerer LKW einspringen und den Wagen aus dem Graben ziehen, was diesen fast zweiteilt. Alles in allem ein sehr unterhaltsames Spektakel!

Das Zentrum von Irkutsk suche ich nur kurz zum Essenfassen auf und gerate dabei mitten in eine große Feier im zentralen Stadtpark. Bei unglaublich lauter Musik – etwas, das mir allgemein in Russland auffällt – werden moderne Tänze aufgeführt und die ganze Stadt scheint hier versammelt zu sein.

Was genau dort gefeiert wird, kann ich leider nicht herausfinden. Es tut jedenfalls gut mal unter Leuten zu sein.

Ich verlasse Irkutsk recht zügig – wohlwissend, dass ich nochmal hier her kommen werde – um noch früh am Tage in Listvjanka am Baikalsee anzukommen. Dies ist der nächstgelegene Touristenort am See, der dementsprechend frequentiert ist. Ich erhoffe mir, dort endlich mal europäische Fernreisende zu treffen, und die Einsamkeit zu unterbrechen. Auf dem Wege aus Irkutsk heraus sehe ich einen riesigen Adventure-Truck aus Luzern – vollgeklebt mit allerlei Sponsering. Offensichtlich – so will es ein großer Aufkleber wissen – begleitet dieser Truck 4 Frauen auf einem Weltrekordversuch mit dem Moped um die Welt. Leider ist keiner in Fahrzeugnähe zu sehen, sodass mir die genaue Mission des auffälligen Gefährts ein Rätsel bleibt.

Die Strecke nach Listvjanka ist dann mal eine willkommene Abwechslung. Entlang des Angarastroms – dem einzigen Abfluss des Baikalsees – fahre ich 65km mit immer wieder spektakulären Ausblicken auf eben diesen Angara. Listvjanka präsentiert sich als rummeliger Touriort, der sich 5km an der Uferpromenade entlang zieht. Danach endet die Welt.

Der Tourismus hier ist von der eher unangenehmen Sorte. Entweder Russen mit auffallend protzigen Autos oder Busladungen von Chinesen und Japanern, die gelbbeflaggten Guides hinterherlaufen . Von Individualtouristen aus Europa keine Spur – große Enttäuschung! Doch dann endlich entdecke ich ein auffallend professionell ausgestatteten Toyota Landcruiser mit Kennzeichen aus dem Haute Savoie (französische Alpen). Aber auch hier leider keine zugehörigen Menschen zu sehen. Ich mahne mich zur Beharrlichkeit und warte über eine Stunde ohne das Auto aus den Augen zu lassen. Dann endlich taucht ein Pärchen mit riesigem deutschen Schäferhund auf. Sie stellen sich als Laure (30) und Fabien (32) vor mit Schäferhund Flash. Sie sind auch seit drei Wochen unterwegs auf einer ähnlichen Tour wie ich, nur dass sie direkt von hier – ohne Abstecher an den Pazifik – in die Mongolei reisen und den Iran nicht besuchen, da dies mit Hund wohl nicht funktioniert.

Schnell beschließen wir, den Abend gemeinsam zu verbringen und begeben uns etwas außerhalb des rummeligen Ortes in die Pampa, wo eine grobe Piste nach wenigen Kilometern zu einem traumhaften Schlafplatz an einen kleinen See führt. In schönster Abendsonne und bei immerhin 9 Grad bauen ich mein Zelt und die beiden ihr Dachzelt auf. Anschließend gibt es Wurst und Käse aus den französischen Alpen an einem wärmenden Lagerfeuer – wie schön!

Es wird ein sehr netter Abend und eine ruhige, wenn auch kalte Nacht. Um 6 Uhr werde ich vom Prasseln auf dem Zeltdach geweckt. Immer wieder genieße ich das herrliche Gefühl im kuscheligen Schlafsack zu liegen, während es draußen regnet! Nach einer Stunde ist der Regen erst einmal vorbei und zwei Stunden später hat der starke Wind auch das Zelt getrocknet. Ich stehe auf, betrachte die dunklen Wolken und weiß, dass ich nun besser schnell einpacke und die Sachen verstaue, solange sie noch trocken sind. So geschehen verabschiede ich mich von Laure, Fabien und dem sehr angenehmen Flash nach einer heißen Tasse Pfefferminztee bei sehr unfreundlichem Wetter.

Ich selbst plane angesichts des aufkommenden Regens nur die kurze Strecke zurück nach Listvjanka zu fahren und mir dort ein Zimmer zu nehmen. Laure und Fabien wollen nach Irkutsk, wo sie morgen zum mongolischen Konsulat müssen. Seit 2016 besteht nämlich für Franzosen wieder Visumspflicht. Außerdem wollen sie dort auch neue Reifen für die mongolischen Schlammpisten kaufen.

Für einen Moment bin ich ob der Visumspflicht für Franzosen in der Mongolei irritiert. Doch eine kurze Internetrecherche bestätigt, dass ich als Deutscher davon befreit bin, was ich ja bereits zuvor gelesen hatte. Wir verabreden uns so, dass ich mich am nächsten Tag bei ihnen melde, wenn auch ich nach Irkutsk komme.

So fahre ich im Nieselregen die 15 Minuten nach Listvjanka, wo ich im vorgesehenen Hostel keinen Platz finde. Man gibt mir den Tip, es ein paar Meter weiter unten in der Hausnummer 49 zu versuchen. Als ich das Haus sehe, weiß ich zunächst nicht, ob ich da überhaupt hinein gehen soll.

Drinnen zeigt es sich aber neu gemacht und sehr sauber. Ein nettes Ehepaar um die 40 verwaltet dieses Hostel für seinen chinesischen Besitzer und empfängt mich sehr freundlich. Eines der Zimmer bewohnen die beiden selbst, sodass ganze 4 Zimmer für die Vermietung bleiben. Das Bad wird gemeinsam genutzt und ist „State of the Art“. Ich bin der einzige Gast im Haus und genieße die gemütliche Wärme erstmal unter der Bettdecke mit einem erholsamen Schlaf. Draußen schneit es mittlerweile. Am Nachmittag hört es für eine Weile auf, und ich begebe mich auf eine zweieinhalbstündige Wanderung am Seeufer entlang. Dort finde ich eine Menge Baustellen von zum Teil sehr schönen Blockhäusern und lande am Ende auf einem Fischmarkt, der den legendären Omoul als Räucherfisch feilbietet. Dies ist eine dem Lachs ähnliche Art, die nur im Baikalsee vorkommt. Leider steht mir gerade nicht der Sinn nach geräuchertem Fisch und die Mindestkaufmenge ist ein ganzer Fisch. Daher verschiebe ich diese kulinarische Versuchung auf später – ich werde ja noch einige Zeit am See verbringen.

In Summe war dieser Ruhetag ein Genuss. In meinem warmen Zimmer betreibe ich noch etwas Kartenstudium, telefoniere mit den Liebsten und schlafe bald gemütlich ein.

Am heutigen Morgen zeigt sich der See bei schönem Wetter wieder von seiner besten Seite. Ich verlasse Listvjanka um 10 Uhr gen Irkutsk.

Je näher ich Irkutsk komme, desto dunkler wird der Himmel. Die Temperatur pendelt sich bei 4 Grad ein und in der Stadt beginnt es sogar zu schneien. Ich treffe Laure und Fabien beim Reifenhändler, wo ihr Auto gerade neu besohlt wird. Der Besuch beim mongolischen Konsulat liegt schon hinter ihnen. Ganze 10 Minuten waren sie dort und sind schon mit dem Visum im Pass herausgekommen!

Wir gehen anschließend in ein mongolisches Restaurant zum Mittagessen – wenn dieses für die Mongolei repräsentativ ist, dann muss ich mir um das Essen in dem Land keine Sorgen machen.

Die Wettervorhersage für die kommenden 3-4 Tage sieht niederschmetternd aus, und so nehme ich sehr gerne das Angebot an, mich in der Wohnung, die die beiden angemietet haben, einzuquartieren und diese Zeit gemeinsam in Irkutsk abzuwarten. Die Stadt hat so einiges zu bieten und danach soll sich endlich das für diese Jahreszeit typische Hochdruckwetter mit Temperaturen von 20 Grad – und mehr – einstellen. Ich freue mich sehr über diese Perspektive und auch auf die Tage nach Irkutsk, die wir noch gemeinsam das Süd- und Ostufer des Baikalsees bereisen wollen bis hoch zur Halbinsel Svjatoj Nos, was soviel wie „Heilige Nase“ bedeutet.

Danach werden sich die Wege trennen, wenn die beiden direkt in die Mongolei reisen, während ich erst den Pazifik sehen möchte. Zur Zeit fühle ich mich rundherum wohl und genieße die sehr nette Begleitung!

In der Wohnung angekommen – diese ist recht modern und komfortabel – widme ich mich erstmal dem Moped, Pflege die Kette und löse besorgt den Kabelbinder, der den Neoprenstrumpf über dem Gabelrohr befestigt, da ich an dessen oberem Ende etwas sehr unschönes entdeckt habe, nämlich Ölspuren! Sollte hier vielleicht einer der erst kürzlich erneuerten Gabeldichtringe die Hufe gestreckt haben? Das wäre echt schlecht, denn diesen zu tauschen ist sehr aufwendig und schwierig und benötigt obendrein ein Ersatzteil, dass ich hier kaum bekommen werde. Also den Kabelbinder gekappt, den Strumpf runtergezogen und dann das große Aufatmen: Darunter ist alles trocken und sauber, der Dichtring in bestem Zustand – Puhhh! Das Öl muss wohl von außen an die Gabel gekommen sein. Ansonsten zeigt sich alles am Moped zur Gänze unbeeindruckt von den bislang zurückgelegten 8.400km.

Noch ein Wort zu Flora und Fauna auf der Strecke: die Flora steht sicherlich sechs Wochen gegenüber Deutschland zurück. Erst in Baikalnähe treiben die Laubbäume – und das heißt ausschließlich Birke – aus. Zuvor zeigte allenfalls das niedrige Gestrüpp Spuren von grün. Blüten habe ich bislang noch gar nicht gesehen. Die Bauern pflügen, Eggen und sähen gerade überall ihre Felder, die über ganz Russland eine auffallend schwarze Erde zeigen.

Fauna, das sind neben ein paar Eichhörnchen in erster Linie Vögel. Die häufigste Art sind Krähen, die in scheinbar suizidaler Absicht massenhaft an den Straßenrändern sitzen und sich in letzter Sekunde vor den herantastenden Fahrzeugen in die Luft heben. Aber es gibt auch bemerkenswert viele Greifvögel, die ihre Kreise am Himmel drehen und dabei ungewöhnlich tief fliegen. Leider kann ich nicht genau erkennen, welche Vögel das genau sind. Ich meine Milane und Bussarde erkannt zu haben, es soll hier aber auch viele Adlerarten geben.

8 Gedanken zu “07 Schlechtwetterpause in Irkutsk

  1. Beate Christel schreibt:

    Lieber Wolfram,
    es ist so spannend zu lesen, was du erlebst und man friert, fährt und erlebt alles richtig mit, so eindringlich und ausführlich sind deine Berichte- wunderbar, dass du uns an deinem Erkeben und deinem großen Traum teilhaben lässt!
    Wir wünschen dir einen baldigen Wetterumschwung mit Wärme, weitere nette Begegnung , dass dein Motorrad weiter so super durchhält und einfach eine wunderbare, erlebnisreiche Reise!
    Wir fiebern dem nächsten Bericht entgegen!
    Liebe Grüße,
    Beate&Christian

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    • wolfram1964 schreibt:

      Das ist ganz lieb! Ja, es ist in der einsamen Ferne gut zu wissen, dass daheim liebe Menschen an einen denken! Das tut einfach sehr gut! Vielen Dank für diese Freundschaft!
      Liebe Grüße
      Wolfram

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  2. ckusserow schreibt:

    Lieber Wolfram,
    vielen, vielen Dank für Deine sehr nett geschriebene Reiseberichte mit Deinen Erlebnissen und Ereignissen, diese sind jedes Mal eine willkommene Ablenkung vom normalen Alltag in Berlin.
    Dies mit dem Truck für den Service der vier Freuen, die aus vier Nationen, mit vier unterschiedlichen Bikes, 16 Länder und 24.741km um die Welt fahren wollen, ist ein „Rennen“, was am 6.05.2018 gestartet wurde.
    Eine Anita Fastl aus Österreich mit einer Afrika Twin, eine Fait aus Amerika, eine Isa aus der Schweiz und auch eine Russin Tatjana haben das Rennen in ihren jeweiligen Heimatstädten gestartet, jeder ist selbst für sich in allen Belangen verantwortlich.
    Hier die Tour der Österreicherin:
    Anita Fastl starte mit ihrer Honda Africa Twin in St. Nikolai ob Draßling. Von dort führt sie ihr Weg nach Graz, Zürich, St. Petersburg, Nowosibirsk, Wladivostok, Danghoe, Seoul, Ankarage, Mineapolis, Orlando, Madrid, Barcelona und schließlich wieder nach Graz.
    Es geht um den Rekord, den der Schweizer Grisu Grizzly in 16 Tagen geschafft hat, diese 24.741km um die Welt zu fahren.
    Irgendwie war das nebensächlich, als ich Dich bis zur Grenze begleitet hatte, dies hatte ich einige Tage vor unserem Aufbrechen gelesen gehabt. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Du bei Deiner Reise davon was mitbekommst. Du solltest damit recht behalten, es gibt wirklich nicht viele Straßen durch Russland.
    Dies sind nur einige Anhaltspunkte, um für Dich selbst im Internet zu recherchieren, wenn Du dafür überhaupt Interesse hast, falls das Wetter für Dich nicht besser wird, um weiter voran zu kommen.
    Wenn ich an Deine Berichte denke, wie unangenehm das Wetter gerade ist, müsste ich an den Schweizer denken, den Du vor einigen Tagen überholt hast und auf der gleichen Strecke mit dem Rad unterwegs ist. Der Arme Kerl, ich hoffe, dass er auch dementsprechend Unterkünfte gefunden hat.
    Geduld zahlt sich aus, somit weiter so und dass Du weiterhin nette kurzfristige Begleiter findest, um mit gleichgesinnten sich austauschen zu können.

    Weiterhin gute Fahrt, viele Erlebnisse und nette Ereignisse, halte die Augen offen.
    Somit viele liebe Grüße aus Berlin
    Christian

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  3. ckusserow schreibt:

    Das war reiner Zufall, ich suchte nach einem Werkstattbuch für die Africa Twin und bin auf diesen Artikel gestoßen.
    Ich hätte dabei keine Freude 21.741km in 16 Tagen abzuspulen, egal mit was für einem Gefährt.

    Noch was, was zu Deiner Reise passt, ich habe vom Kollegen das kurz Übersetzen lassen, was mit der Brücke passiert ist, die wir zusammen am zweiten Tag gesehen hatten.
    Wie schon richtig vermutet, wurde diese Brücke zu einem Teilstück 1918 in Betrieb genommen, diese Eisenbahnlinie war für die Region ein sehr wichtiger Wirtschaft Motor, in der Holzindustrie.
    Zusätzlich ist in der Nähe noch ein Stausee, der die Fabriken mit elektrischen Strom versorg hat.

    Die Russen haben die Schienen demontiert, nach Russland transportiert und haben somit die Brücke zum Einstürzen gebracht.

    Weiterhin gute Fahrt
    Christian

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  4. diemoenchengladbacher schreibt:

    Lieber Wolfram,
    ich habe mich gerade dabei ertappt, dass ich deinen Blog geöffnet habe in der Hoffnung du hättest weitere Eindrücke und Erlebnisse geschrieben. Es ist spannend dich auf diese Weise aus der Ferne zu begleiten. Ich wünsche dir viel Wärme und gutes Wetter.
    Gruß und Kuß
    Gitte

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  5. tatjanaphysiogmxde schreibt:

    Hallo Wolfram , war wieder sehr sehr interessant und spannend zu lesen was du erlebt hast , was du beobachtet hast , wie du das empfindest oder was du dabei fühlst . Meine große Heimat wirst du bald besser kennen , als ich …. super 👍! Das mit dem * нормаааальна * hast du ja wirklich sehr gut gesehen ( die Bedeutung erkannt ) – nach dem Motto – alles ist gut , ist nur der normale Wahnsinn! Bleib weiterhin gesund und so interessiert, neugierig! С приветом Таня

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