57 Peninsula Valdés – Sealife der besonderen Art!

Und wieder geht ein Plan in Luft auf! Am heutigen Mittwoch, den 11.1. bleibt der Wind so stark (laut Windy App 40-50 Knoten), und die Wolken so düster, dass mir der Sinn nicht auf die Halbinsel Valdés steht. Plan B sieht den morgigen Tag dafür vor. Heute verbringe ich den Tag hier bei und mit Miguel, der passenderweise diese Woche Urlaub hat. Wir pflanzen bei eisigem Wind ein paar Bäumchen und packen diese tief in eine Erdsenke, damit sie in dieser windigen Gegend überhaupt ein Überlebenschance haben. Dann hole ich bei Western Union einen 8 cm dicken Geldstapel ab, den ich zuvor über die App von meinem Konto habe schicken lassen – funktioniert ganz prima und garantiert in Argentinien den besten Tauschkurs! Das sind ganze 1,6 cm Geldstapel pro 100.-€ Gegenwert!

Miguel begleitet mich auf seiner Yamaha Fazer in die Stadt. Ich staune, wie er dieses reine Straßenmoped täglich über die 4 km lange grobe Schotterpiste zu seinem Haus bugsiert! Eine Enduro wäre hier bestimmt die bessere Wahl. Gleich bei der Einfahrt in die Stadt entdecken wir in einem Tümpel Gäste, die laut Miguel eher selten hier sind. Knallorangene Flamingos und ein paar graue Exemplare bevölkern den Tümpel trotz des dichten Autoverkehrs direkt nebenan.

Unerwartetes Treffen mit Flamingos in Puerto Madryn!

So dümpelt der Tag vor sich hin, und ich erfahre vieles über Miguel’s Leben und seine weiteren Pläne. Ich bewundere die stoische Gelassenheit, mit der er über die Missstände in seinem Land berichtet. Er ist in einem Aluminiumwerk für den Einkauf sämtlicher Wartungsgüter verantwortlich und hat sich somit täglich mit den Folgen der galoppierenden Inflation herumzuschlagen. Irgendwie schafft es der Argentinier, sich in dem Chaos durchzuwurschteln, ohne dabei die Lebensfreude zu verlieren!

Ein weiteres gemeinsames Abendessen, eine weitere Nacht draußen im Sturm, und dann heißt es wirklich Abschied nehmen. Auch heute scheint mir das Wetter den Ausflug auf die Peninsula Valdés nicht zu gönnen, aber einen weiteren Tag möchte ich hier nicht warten, dafür ist Buenos Aires zu weit entfernt. Ich verabschiede mich von Miguel und auch blutenden Herzens von der Idee, das Tierleben auf Valdés zu sehen! Auf der Ruta 3 soll’s gen Norden gehen, da steht der Wind wenigstens günstig im Rücken!

Abschied von Miguel nach zwei Tagen voller Gastfreundschaft und Herzlichkeit!

Beim Losfahren haut es mich fast vom Moped, so sehr bläst der Wind, doch auf der Ruta 3 ist dann alles ruhig! Der Wind pfeift schön von hinten und nimmt mir alle Geräusche aus dem Helm, bis auf die des Motors. So lässt es sich prima Musik hören. Als ich dann nach gut 20 Kilometern an der Abzweigung „Peninsula Valdés“ vorbeifahre, beginnt es im Hinterkopf zu rumoren: „Moment mal! Was war gleich noch der Grund für diesen riesigen Umweg von der Carretera Austral über Puerto Madryn nach Buenos Aires zu fahren? Ja genau: Sealife auf Valdés!“ Ohne genau zu wissen, was ich da gerade tue, drehe ich um und nehme den Abzweig. Sofort rauscht wieder der Helm, und das Moped legt sich zur Seite – eine ätzende Fahrerei, aber wenigstens die Richtung stimmt!

Zunächst fahre ich mit Wind von rechts (Süden) auf Asphalt zum einzigen bewohnten Ort auf der Halbinsel, der auf den schönen Namen Puerto Piramides hört. Von dort geht’s nur noch auf Pisten weiter. 40 km gen Norden, da passt der Wind wieder! Aber dann zur Ostküste wird das Fahren auf der Piste zum Vabanquespiel! Als sich auch noch der Regen dazu gesellt, rutscht mir auf dem nassen Lehmuntergrund mehrmals das Vorderrad weg – ein unschönes Gefühl, aber das Moped bleibt aufrecht! Ich frage mich, was für ein Teufel mich geritten hat, als ich den Abzweig trotz gegenteiliger Planung doch noch genommen habe! Aber egal! Ich hoffe nur, der Irrsinn hier wird irgendwie belohnt werden?

Nach einer guten halben Stunde auf der rutschigen Piste bekomme ich eine erste Bestätigung, als ich zur linken eine Kolonie von Magallan Pinguinen zu sehen bekomme. Pussierliche, kleine Viecher, die in Erdlöchern wohnen, sich aber gerne und oft draußen zeigen. Etwa zweihundert Exemplare tummeln sich im feuchten Wind, den sie bevorzugt von hinten über sich ergehen lassen.

Auch Pinguine scheinen eitel zu sein: Magallan Pinguin auf der Peninsula Valdés.

Noch ein paar Kilometer weiter wird’s dann wirklich interessant. Dass der Regen horizontal fällt ist gar nicht mehr relevant, als ich die Menge an Seeelefanten vor die Linse bekomme, die sich tief unter mir am Strand von der Brandung umspülen und dabei von den Kieselsteinen eingraben lassen. Es ist ein besonderes Spektakel, wenn sie sich gegenseitig immer wieder behaken und dabei ihre roten Mäuler weit aufreißen. Den Rest der Zeit scheinen sie lieber faul herumzuhängen und sich dabei gegenseitig zu wärmen.

Ich bin wie gebannt von dem Schauspiel und merke gar nicht, wie die Zeit vergeht und wie ich dabei nasser und nasser werde. Als die Linse kaum noch frei von Beschlag zu halten ist, ziehe ich es vor, zur Punta del Norte zu fahren. Das sind weitere75 km Piste. Zuerst die letzten 40 km zurück – das gleiche Spiel, jetzt aber mit Schräglage nach links! Dann 35 km Ruhe in Richtung Norden – welche Wohltat!

Man mag’s gern kuschelig: Seeelefanten am Ostufer der Peninsula Valdés
Kurz gezeigt, wer hier das Sagen hat, ….
…. dann wird wieder gekuschelt! Der helle Kollege in der Mitte ist schon zu mehr als die Hälfte verschüttet!
Es wird auch beherzt gegähnt und dem Nachbarn die Zunge herausgestreckt!

Die Nordetappe macht wieder richtig Spaß, zumal sich jetzt auch das Wetter gnädig zeigt. Die Temperatur steigt auf 19 Grad und die Sonne zeigt sich immer wieder in den Wolkenlücken. Kurz vor Erreichen der Punta del Norte meint noch ein Autofahrer, mich bei Tempo 95 auf der Schotterpiste überholen und einstauben zu müssen – da kennen die Südamerikaner ja kein Pardon! Aber ich lerne doch lieber von den Seeelefanten und zeige mit einem beherzten Dreh am Gasgriff, wer auf dieser Piste das Sagen hat!

Auch dieser Abstecher lohnt den Aufwand. Es ist unbeschreiblich, was für ein Treiben und Lärmen am Nordstrand herrscht, wo sich überwiegend Seelöwen aufhalten, dazwischen auch ein paar Seeelefanten. Hier herrscht eine strenge Hackordnung: Ganz klar sind die beeindruckend kräftigen Männchen mit der Löwenmähne die Meister im Ring! Wenn sie ihr Maul aufreißen und ihre ungepflegten Zähne zeigen, möchte man nicht in der Nähe sein!

Ich könnte noch Stunden hier verweilen und mich einfach durch dieses Schauspiel treiben lassen, aber ich habe heute noch ein ziemlich langes Stück des Weges gen Norden gut zu machen.

Seelöwenmänchen mit seiner Kinder- und Enkelschar.
Schaut, wie schön ich bin: Bis zu 350 kg und 2,8 m Körpergröße schaffen die Männchen!
Aber auch der kräftigste Löwe muss mal schlafen, ….
…. um dann wieder seine Familie zu beschützen!
Sie tragen die Nase ganz schön hoch!
3-Generationen-Horde.
Da kam ein Männchen der Familie des anderen offensichtlich zu nah!
Familienidylle bei den Seelöwen.

So löse ich mich widerwillig vom Nordstrand und fahre nun dem Wind entgegen zurück nach Puerto Piramides, wo ich nochmal Sprit fasse und mir am Strand die furchterregende Brandung anschaue. Dann heißt es Abschied nehmen von dieser wunderschönen Halbinsel, deren Besuch die ganze Mühe gelohnt hat. Ja, es wäre geradezu ein Verbrechen gewesen, hier vorbeizufahren! Jetzt folgen nochmal 90 km mit Gebläse von links, und dann trägt mich der Rückenwind auf der ereignislosen Ruta 3 in den Norden.

Abschied von der Peninsula Valdés am Strand von Puerto Piramides, wo der Wind noch ordentlich die Wellen peitscht!

So fahre ich mit Musik von Guido’s „Ride Free“ Playlist durch die Stille des Rückenwindes in den Sonnenuntergang. Das Wetter hat komplett auf Blau umgestellt. Alles prima also, nur dass es an geeigneten Schlafplätzen mangelt. Wie immer sind die Flächen im Abstand von 20-30 Metern links und rechts des Asphaltbandes durch Zäune abgetrennt. So bleibt mir am Ende nichts anderes übrig, als einen halbseidenen Schutz hinter ein paar Gebüschen nur 20 Meter neben der Straße zu suchen, wo ich nicht einmal ein Zelt aufbaue, sondern nur den Footprint meines Zeltes ausbreite, um Isomatte und Schlafsack darauf zu legen. Aber wenigstens steht ein Funkmast in der Nähe und verschafft mir den Genuss, Ariane’s Abflug von Frankfurt nach Panama quasi live zu erleben! Kurz noch die reflektierenden Teile des Mopeds abgedeckt und dann falle ich nur wenige Meter von ratternden Brummis entfernt in einen tiefen Schlaf! Morgen steht dann Epecuén auf dem Plan, eine versunkene Stadt wie Atlantis. Davon trennt mich aber eine stramme Etappe von 700 Kilometern! Buenas Noches!

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