49 Durch die Atacamawüste

Die Atacama ist mit durchschnittlich 0,5 mm Niederschlag im Jahr die trockenste Wüste dieser Erde; viele Orte in der Atacama haben bereits seit 23 Jahren keinen Tropfen Niederschlag bekommen! Sie ist aber zugleich auch eine recht kühle Wüste. Als wir San Pedro de Atacma schon um halb sieben in der Früh verlassen, zeigt das Thermometer gerade mal 8 Grad. Bis Calama wird es nicht viel wärmer. Erst danach arbeitet sich die Sonne auf bescheidene 19 Grad hinauf, die bei Ankunft um 11 Uhr in Antofagasta anliegen. Der Weg bis nach Antofagasta ist ziemlich langweilig. Geröllwüste ohne Ende! Allein die riesigen künstlichen Berge, die durch den Abraum der Minen aufgeschüttet wurden, lassen einen staunen. Es sind oft mehrere hundert Meter hohe und einige Kilometer lange Erhebungen, die sich direkt an die natürlichen Berge anschließen. Gigantische Kipper schütten reihenweise den Abraum die Hängen hinunter, was aus der Ferne einer Ameisenstraße gleicht.

Ausbeutung in Maximalformat: Ein Zug, mit Lithium beladen, fährt vor den riesigen Abraumhalden einer Kupfermine vorbei!

Kurz vor Antofagasta passieren wir den südlichen Wendekreis, was durch eine von einer Kupfermine gesponserten Tafel markiert wird. Ab hier gibt es also wieder Jahreszeiten, was in Anbetracht des Fehlens jeglicher Vegetation aber eigentlich keine Bedeutung hat. Hier gibt es außer Staub wirklich nichts! Vollkommen übergangslos gelangen wir kaum später in die Großstadt Antofagasta. Aus dem Nichts tauchen die ersten Häuser auf, und die Straße führt steil hinab zur Uferpromenade, die gar nicht mal hässlich ist. Direkt an dieser Promenade gelegen finden wir auf Anhieb den Gebäudekomplex eines Einkaufszentrums, in dem auch der KTM-Shop untergebracht ist. Dieser ist um 11 Uhr noch geschlossen, doch man versichert uns, dass er in Kürze öffnen werde. So trifft es sich gut, dass direkt davor die Bänke und Tische einer benachbarten Pizzeria stehen. Noch während wir ein frühes Mittagessen zu uns nehmen, heben sich nebenan unter großem Getöse die Rollläden im Hause KTM.

Kurz vor Antofagasta überqueren wir den südlichen Wendekreis (23°26’05“), Schild ist natürlich von der Kupfermine gesponsert!

Der Shop ist nicht groß, wirkt aber sehr aufgeräumt und huldigt dem Corporate Design der Österreicher. Am Tresen begrüßt mich Jair und hört sich geduldig mein Leid an, um mich dann wissen zu lassen, dass der Mechaniker gerade einen Einsatz auf der Straße habe und erst gegen 14 Uhr zurück komme. Tatsächlich dauert es aber gar nicht so lange, denn schon eine Stunde später erscheint Lucas und nimmt mein Moped in die Werkstatt. Wo diese wohl sein mag, habe ich mich bereits die ganze Zeit gefragt, weil ich im Umfeld des Shops nichts sehen konnte. Die Antwort liegt im Hemd, das Lucas trägt. Dieses trägt nämlich die Insignien einer von mir wenig geschätzten amerikanischen Motorradmarke: Harley Davidson! Im gleichen Gebäudekomplex ist tatsächlich auch ein Harley-Shop untergebracht, und deren Werkstatt und Personal nutzt auch KTM. Lucas zeigt mir aber ganz stolz sein Zertifikat von KTM, das ihn als qualifizierten Mechaniker für das gesamte KTM-Programm ausweist!

KTM Shop in Antofagasta

Etwa eine Stunde später zeigt mir Lucas einen Ausdruck aus einem Harley-Computer, der die Ursache für meine Startprobleme eindeutig der Batterie zuordnet. Dieser bescheinigt der Batterie nämlich einen CCA-Wert (Cold Cracking Amps) von nur 89 Amp, als der Motor nicht startete und auch nach dem Laden der Batterie nur 112 Amp. Das ist eindeutig zu wenig. Eine gesunde Batterie sollte über 200 Amp Startstrom aufbringen können. Jetzt muss nur noch eine neue und passende Batterie her! Dafür muss Lucas extra losfahren. Eine Lagerhaltung scheint ich bei KTM in Antofagasta nicht zu lohnen. Kurze Zeit später ruft er an und ist ganz erfreut, genau die gleiche Batterie gefunden zu haben. Allerdings soll diese 250.- US$ kosten! Waaaaas???? Dafür bekomme ich zuhause ganze drei Batterien! Aber was soll’s? Habe ich eine Wahl? Nein! Also her mit dem Ding! Es stellt sich dann heraus, dass die Batterie ungeladen ist. Also müssen wir die Nacht hier verbringen. Jair besorgt uns ein tolles Zimmer im Luxushotel Hampton direkt nebenan für die Hälfte des offiziellen Preises. So kommen wir in den Genuss einer Übernachtung mit spektakulärer Aussicht auf die Promenade und das Meer – nicht ganz zum Stil der Reise passend, aber irgendwie grandios!

Der Luxus pur: Blick aus dem Hotelfenster in Antofagasta bei Tag!
Blick aus dem Hotelfenster in Antofagasta am Abend!

Um 11 Uhr am Dienstagmorgen bekomme ich mein Moped mit frischer Batterie, die nun nachweislich 229 Amp Startstrom liefert, zurück. Dazu wurde die Kette gepflegt und der Kühlerfrostschutz aufgefüllt. Ich zahle umgerechnet 350.- US$ und bin glücklich! Danach geht es wieder auf die Ruta 5 in Richtung Süden. Es bleibt beim alten Bild: Geröll und Minengelände. Dazu viele LKW, keinerlei Flora und auch keine Fauna. Dafür aber nur 75 km hinter Antofagasta ein besonderes Kunstwerk „La Mano del Desierto“ vom chilenischen Bildhauer Mario Irarrázabal. Das ist eine mehr als 10 m hohe Hand, die dort aus einem Felsen gehauen wurde – ein beeindruckender Anblick und anatomisch nicht schlecht getroffen! Direkt neben dem Kunstwerk treffen wir auf einer 250-er Honda mit peruanischem Kennzeichen Richard aus England. Er hat das Moped 2018 in Peru gekauft und reist damit mittlerweile im fünften Jahr jeweils 3-4 Monate im Winter durch Südamerika. Damit überbrückt er, der im Baugewerbe tätig und somit im Winter ohnehin beschäftigungslos ist, die ungemütliche Jahreszeit und tauscht England gegen Länder wie Peru, Bolivien, Chile oder Argentinien ein. So kann man’s auch machen!

„La Mano del Desierto“ Skulptur des chilenischen Bildhauers Mario Irarrázabal 75 km südlich von Antofagasta
Auch im Süden finden sich viele Kupferminen links und rechts der Straße, wie hier vor Chañaral, nur viel kleiner als im Norden!

Die weitere Fahrt zieht sich wie Kaugummi. Erst kurz vor Chañaral werden die Sinne wieder durch Sehenswertes gereizt. Die Straße schlängelt sich hier nämlich durch ein buntes und sehr faltiges Gebirge zur Küste hinab. Tolle Berge sind dies, die selbst ein Modelleisenbahner nicht schöner modellieren könnte. In Chañaral gelangen wir dann wieder an die Pazifikküste, die uns hier im schönsten Sonnenschein begrüßt. Alles ringsherum ist weiterhin karg und vollständig vegetationsbefreit, doch auf seine Weise empfinde ich diese Kargheit in der Meereskulisse als ganz ansprechend.

Faltig-bunte Berge bei Chañaral
Geld für Straßenbau scheint in Chile vorhanden zu sein!

Zehn Kilometer hinter Chañaral finden wir rechter Hand einen Strand mit lauter beschirmten Grillplätzen. Kein Zweifel: Das wird unser Nachtquartier! In der noch gut wärmenden Abendsonne richten wir ohne Zelt, nur mit Plane, Isomatte und Schlafsack unser Nachtlager ein und genießen die zuvor gekauften Kekse und Getränke auf den Felsen am Strand. Sobald die Sonne verschwindet, zieht es uns aber gleich in die Schlafsäcke, denn dann wird’s empfindlich kühl! Was für ein irre schönes Gefühl, nach nunmehr drei Monaten das erste mal wieder im Freien zu schlafen. Ich genieße sehr, den unglaublich intensiven und mir gänzlich unbekannten südlichen Sternenhimmel zu beobachten und schlafe seit langer Zeit einmal durch. Die Nacht über hat es ordentlich geweht. Das Ausschälen aus dem Schlafsack ist entsprechend ungemütlich. Ein paar Meter weiter sitzen zwei Geier auf den Felsen und wirken enttäuscht, dass sich die Gestalten in den Säcken nach der kalten Nacht doch noch bewegen.

Erste Draußen-Übernachtung seit langer Zeit am Strand von Caleuche südlich von Chañaral!
Tolle Abendstimmung am Strand von Caleuche!
Enttäuschte Kollegen, als wir uns am Morgen doch wieder in unseren Schlafsäcken bewegen!

Der Morgen ist ziemlich diesig an der Küste. Die Sonne braucht hier bestimmt bis Mittag, um den Dunst aufzulösen. Sobald wir aber etwas weiter im Landesinneren fahren, da reichen bereits fünf Kilometer Abstand zur Küste, wird es erneut sonnig und warm. Dem Breitengrad nach verlassen wir heute Morgen bei Copiapó die Atacamawüste, doch an der Landschaft ändert das nur wenig. Ja, es tauchen vereinzelt ein paar trockene Büschel Steppengras auf, aber der Grund bleibt staubig und geröllig – die Fahrt öde und langweilig. Da hilft nur gute Musik in den Helm zu leiten!

In Vallenar halten wir zum Tanken sowohl der Mopeds als auch unserer Mägen. Vor dem Straßenrestaurant steht eine vollkommen überladene Suzuki V-Strom aus Kolumbien. Sie gehört Walter Rivera aus Cali, der erst vor 13 Tagen zuhause losgefahren ist (6.500 km), um morgen in Santiago bei der Schwiegermutter in Santiago einzutreffen, wo er mit der ganzen Familie Weihnachten und Neujahr feiern will. Seine Frau wird auch einfliegen. Walter wirkt recht einsam und ist sichtlich erfreut, uns hier zu treffen. So schließt er sich uns an und weiß noch nicht, dass dies in seiner ersten Nacht im Freien enden wird. Hinter Coquimbo finden wir nämlich an der Playa de Herradura einen verlassenen Campingplatz direkt am Strand, auf dem es wunderbar gebaute Holzterrassen unter Bäumen gibt, die eine perfekte Basis für Isomatte und Schlafsack bieten. Walter ist ganz aufgeregt und fragt, ob man denn hier schlafen könne, ohne dass das Moped geklaut oder man überfallen werde!

Wir verbringen einen super schönen und sonnigen Abend am Strand und verkriechen uns in die wärmenden Säcke, sobald die Sonne verschwindet. Auch diese Nacht wird stürmisch und kühl. Die Sterne sind mangels Lichtverschmutzung zum Greifen nah. Die Sternbilder wirken so gänzlich anders als in der nördlichen Hemisphäre. Insbesondere fällt mir schon seit mehreren Nächten ein ganz intensiv leuchtender Stern auf, der am frühen Abend direkt neben dem Mond steht. Die Wohligkeit, die man bei Wind und Kälte in so einem schön warmen Daunenschlafsack verspürt, ist mit Worten nicht zu beschreiben!

Zweite Draußen-Übernachtung südlich der Atacama ander Playa de Herradura mit Walter aus Cali
Idyllischer Schlafplatz auf der Holzterasse direkt am Strand!
Pelikanfamilie beim Baden am Strand
Steve beim abendlichen Telefonat mit der Heimat

Am Donnerstagmorgen verabschieden wir uns von Walter, der noch sichtlich beeindruckt ist von seinem Übernachtungsabenteuer, und fahren ohne Pause die verbleibenden 430 Kilometer bis Santiago durch, denn wir wollen mit Steve’s Moped noch am gleichen Tag in die dortige BMW-Niederlassung. Seine F800GS hat in der letzten Woche mehrmals Aussetzer beim Gasgeben gehabt, die jedesmal ein Reset über die Zündung benötigte. Wir wollen die Maschine über den Diagnosecomputer checken lassen, bevor wir uns in die Einsamkeit Patagoniens begeben.

Auf dem Weg nach Santiago kommt dann auch die lange erwartete Veränderung der Landschaft – viel später als erwartet, denn Santiago liegt bereits auf dem 33. südlichen Breitengrad! Die Berge treten in den Hintergrund, wo sie aber wieder Schneehauben tragen. Im Vordergrund liegen landwirtschaftlich genutzte grüne Flächen, darunter viele Weingüter. Auch Wälder, zuerst Fichten, später zunehmend auch Laubbäume, bedecken ab jetzt weite Flächen der Umgebung. 100 Kilometer vor der Hauptstadt erleben wir dann in nur einer halben Stunde einen Temperaturanstieg von 17 auf 38 Grad! Es wird brütend heiß – wirklich unangenehm! Schweißgebadet betreten wir um kurz vor drei nachmittags die klimatisierten Räume der BMW-Niederlassung, wo wir sofort bedient und mit Getränken versorgt werden – toller Service!

Es braucht eine ganze Weile, doch dann kommt der Monteur mit einer interessanten Erklärung für das Problem der Gasaussetzer. Der Stecker zum Gasgriff (Ride by Wire) hat direkten, mechanischen Kontakt mit dem Bremsgriff, der auf den Stecker drückt und dabei schon mal eine Kontaktunterbrechung bewirken kann. Die Lösung ist super einfach: Den Bremsgriff auf dem Lenker etwas verdrehen, damit wieder Luft zum Stecker besteht. Am Ende wird nur der Luftfiltertausch berechnet, den Steve auch beauftragt hat während die zwei Stunden Fehleranalyse und -behebung kostenlos durchgeführt werden – ziemlich kundenfreundlich!

Wir sind die letzten Kunden, die die Niederlassung um kurz nach sieben verlassen. Per Booking.com haben wir uns eine Pension im Stadtzentrum reserviert. Leider ist es noch kaum abgekühlt, als wir uns die 20 Kilometer durch den Großstadtverkehr quälen. Fast ein Drittel der 19 Millionen Chilenen leben in der Metropole, und viel zu viele von denen haben ein Auto!

Boxenstopp bei BMW in Santiago de Chile – Die F800GS muss mal an das Diagnosegerät!

Santiago scheint aber keine so ganz hässliche Stadt zu sein. Zumindest gibt es hier neben den üblichen Bausünden auch eine Menge alter Viertel mit schicker Architektur aus dem vorletzten Jahrhundert. Auch unsere Pension, eine Jugendstil-Villa, zählt dazu. Am Abend streifen wir über die benachbarte Avenida de Brasil, die mit ihren prächtigen Palmen eine schöne, belebte Flaniermeile zu sein scheint. Sie versprüht eine gute Stimmung und lässt uns ein wenig in die Großstadt abtauchen, bevor wir nach diesem anstrengenden Tag die Horizontale suchen. In 8 Wochen werde ich wieder in dieser Stadt sein und freue mich darauf, diese etwas intensiver zu erkunden!

Morgen früh geht es auf die eine der letzten Etappen nach Puerto Montt, wo wir am Dienstag die Fähre erreichen wollen.

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