47 Schlammschlacht aus Bolivien heraus

Es gibt eigentlich nur einen Straßenzustand – mal abgesehen von Schnee – in dem ein Motorrad dem Auto klar unterlegen ist. Das ist lehmiger Matsch! Zwar habe ich damit in all den Jahren des Motorradreisens schon einige Erfahrung gesammelt, aber so krass und über eine so weite Strecke wie am heutigen Freitag habe ich eine Matschfahrt noch nie erlebt! Es beginnt schon in der Stadt Uyuni, die nach weiteren Regenfällen in der Nacht vollends geflutet ist. Nachdem das Moped heute mal ohne Starthilfe anspringt, schleusen wir uns durch die erdigen Straßen – eine schöne Schlammschlacht. Am Ortsausgang wird noch getankt. Heute will man von uns 6 Bolivar je Liter, statt der 3,74 Bolivar für die Einheimischen. Das ist deutlich weniger als beim letzten mal und lässt vermuten, in wessen Taschen die Differenz fließen wird. Nach dem Tanken wird Starthilfe benötigt. Der Motor springt unwillig an und stirbt alsbald wieder ab. Das klingt nicht gut. Auch beim zweiten Versuch will der Motor nicht weiter laufen. Was ist das für ein Gebräu, das dort aus der Tanksäule kam? Nach dem dritten Versuch hat sich das Moped offensichtlich an den Sprit gewöhnt, jedenfalls läuft der Motor nun rund und bleibt an.

Die ersten 2 Kilometer sehen ganz vielversprechend aus. Eine recht glatte Piste, zwar feucht, aber mit genügend Schotter, um den Reifen etwas Halt zu geben. Dann sieht auf einmal alles ganz anders aus. Der Schotter verschwindet und der Grund ist nur noch nass-lehmig! Schon kleine Lenkbewegungen oder Gasschübe reichen aus, um das Moped ins Schlingern zu bringen. Selten habe ich so wenig Kontrolle über mein Gefährt gespürt wie jetzt. Ich schwitze Wasser und Blut und bete, dass dieser Untergrund bald ein Ende haben möge. Hat er aber nicht! Ich kann nur in der Fahrspur der vorausgefahrenen Fahrzeuge fahren. Jedes Ausweichen würde mich sofort wegrutschen lassen. Es geht lange Zeit nur mit 10 km/h voran. So mancher Bus und LKW hat sich quer gestellt und zwingt uns zum Anhalten. Das Anfahren ist anschließend ein Tanz auf dem Eis. Die Maschine bewegt sich dann seitwärts und kaum vorwärts.

Nicht nur Busse, …..
…. sondern auch LKW haben ihre liebe Müh, bei diesem Untergrund auf der Piste zu bleiben!

65 Kilometer hält das mehr oder weniger so an. Zum Teil wage ich mich auf bis zu 40 km/h hinauf, aber es bleibt ein absolut übles Gefühl. Ich bin ständig damit beschäftigt, den entgegenkommenden Fahrzeugen mit Handbewegungen klar zu machen, dass sie bitte ausweichen mögen, weil wir die Spur nicht verlassen können. Die meisten tun dies auch, doch einige passieren uns sehr nah und sauen uns dabei auf unserer linken Seite vollständig ein. Steve erwischt ein großer Bus besonders krass. Von Kopf bis Fuß ist er in Lehm eingekleistert!

Der zum Teil rücksichtslose Gegenverkehr macht Steves linke Seite zur „Schokoladenseite“!

Nach 65 Kilometern des Schwitzens und Zitterns traue ich meinen Augen nicht. Ist das da vorne eine Fatamorgana, oder wirklich Asphalt? Die Karte hat davon nichts gesagt, aber tatsächlich, der Belag wechselt in schönsten Asphalt! Selten habe ich mich so sehr darüber gefreut wie jetzt – so eine Erleichterung! Es bleibt mir ein Wunder, wie wir die Strecke ohne Sturz geschafft haben! Über 50 Kilometer genießen wir die perfekte Straße und lassen uns nicht einmal vom aufkommenden Regen stören – Hauptsache die Räder haben wieder Grip! In San Christobal wollen wir zu Mittag essen, doch hier gibt es nichts, kein Restaurant und kein Hostal. Einzig interessant ist die Naturstein-Kirche, die 1998 vom urspünglichen Ort um 8 km hierhin versetzt wurde, da der alte Ort einer Mine weichen musste. Das neue San Christobal wurde erst im Jahr 2000 eingeweiht.

In San Christobal wollten wir eigentlich bleiben, doch der Ort hat weder ein Hostal noch ein Restaurant
Die Kirche von San Christobal wurde 1998 zu Gunsten einer Mine um 8 Kilometer an den heutigen Standort versetzt.

Eigentlich wollen wir uns heute einen kurzen Fahrtag gönnen und in San Christobal oder spätestens in Alota Station machen, doch in San Christobal hält uns nichts und vor Alota weicht der Asphalt wieder erdigem Untergrund. Da das Wetter weiterhin auf der Kippe steht, wollen wir nicht riskieren, dass es in der Nacht regnet und uns morgen nochmal eine Schlammfahrt bevorsteht. Also nutzen wir die Gunst der trockenen Stunde und fahren zur Grenze nach Chile durch. Vor Alota weicht der Lehm für eine Weile dem Sand, was vergleichsweise angenehm zu befahren ist. Es ist halt eine Frage des Standpunktes. Wer aus dem Lehm kommt liebt den Sand, wer vom Asphalt kommt mag ihn hassen!

Verlassene Lehmhaussiedlung vor Alota
Alles eine Frage der Sichtweise: Der Boden wird bei Alota sandiger – eine Wohltat nach so viel Schlamm!

Die ersten 20 Kilometer hinter Alota sind wieder schwierig. Hier bastelt man an der Asphaltierung der Straße und schickt den Verkehr über provisorische Pisten, die von den hier verkehrenden LKW ziemlich aufgewühlt und zerfurcht sind. Steve hat seine liebe Mühe und erliegt zweimal der Schwerkraft. Dabei geben sowohl Tankrucksack als auch Navihalterung auf – Thema für spätere Bastelstunden! Dann wird die Piste zu einer schönen Schotter-Autobahn, auf der einige LKW derart brettern, dass wir sie an uns vorbeirauschen und uns einstauben lassen müssen!

Das Panorama um uns herum wird jetzt spektakulär! Aus der auf etwa 4.000 m gelegenen Hochebene erheben sich ringsherum schneebedeckte Gipfel. Viele davon sind permanent von einer unbeweglichen Wolkenhaube verdeckt, andere zeigen sich aber in ganzer Pracht. Sie müssen wohl um die 5.500- 6.000 Meter hoch sein! Nach dem schwierigen Start endet der Fahrtag doch noch traumhaft und lässt unsere Herzen hoch schlagen!

Schneebedeckte Gipfel des Chuluncani unweit der Grenze zu Chile
Autobahnartige Piste vor der Grenze zu Chile

Glücklich und reif für eine schöne Übernachtung erreichen wir um fünf nachmittags den Grenzort Avaroa auf bolivianischer Seite, von dem man uns versichert hat, dass es dort mehrere Hospedajes geben würde; nicht mal etwas ähnliches ist hier zu finden. Acht Hütten für die Grenzer – das war’s! Also müssen wir doch noch über die Grenze. Das ist erstaunlich schnell erledigt – 5 Minuten in Bolivien, 20 in Chile!

Die bolivianische Seite der Grenze
Die chilenische Seite der Grenze

Ollagüe sieht auch nicht viel lebendiger aus als Avaroa. Der Bahnhof scheint neben der Grenze der einzige Arbeitgeber im Ort zu sein, aber immerhin finden wir ein ganz nettes Hostal, in dem wir auch noch hervorragend verköstigt werden. Bei den Preisen müssen wir allerdings schlucken. Nach dem günstigen Peru und dem noch viel günstigeren Bolivien sind die auf deutschem Niveau liegenden Preise in Chile doch gewöhnungsbedürftig!

Die Eisenbahn und die Grenze sind die einzigen Arbeitgeber im Grenzort Ollagüe
Unser Hostal in Ollagüe – nettes Zimmer und tolles Essen zu stolzen Preisen!

Etwas ermattet, aber sehr glücklich, es heile hierher geschafft zu haben, genießen wir den Abend in dieser entlegenen Einöde am Rande der Atacamawüste. Elisabeth, unsere Gastgeberin, unterhält uns gut und erzählt, dass die Weiterfahrt für morgen fraglich sei, da die einzige Straße von hier weg momentan durch einen Erdrutsch gesperrt sei. So harren wir der Dinge und werden morgen sehen, ob es weiter geht. Wir wollen dann über Calama nach San Pedro de Atacama, der Touristenhochburg in der Atacamawüste.

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