41 Abenteuerliche Einreise nach Peru

Wer braucht denn einen Grenzübergang, wenn dahin kein Weg führt? Naja, „kein Weg“ kann ich nicht sagen, aber was uns da heute am Morgen 27 Kilometer in die Tiefe des Tales an das Flüsschen Rio Canchis nach La Balsa führt, kann bestenfalls als Maultierpfad durchgehen, nicht aber als Straße.

Tief im Tal fließt der Grenzfluss Rio Canchis – ganz rechts im Bild liegt die Grenze.

Die volle Stunde, die uns der Hotelier gestern in Aussicht gestellt hat, reicht kaum aus, um zur Grenze zu gelangen. So verwundert es auch nicht, dass dort außer uns niemand anzutreffen ist. La Balsa, das ist ein verschlafenes Nest von nicht einmal zehn Häusern. Aus einem kommt ein in Ballonseide gekleideter jüngerer Mann heraus und begrüßt uns sehr freundlich. Er repräsentiert hier den Zoll und verweist uns zunächst an seinen Kollegen von der Imigración. Das Gebäude gleicht eher einer Bauruine als einem Amtsgebäude. Ebenso die Aduana ist in einem Loch untergebracht.

Zoll und Imigración auf der Seite von Ecuador sind in halben Bauruinen untergebracht

Der ebenfalls in zivil gekleidete Grenzpolizist erledigt unsere Ausreise in fünf Minuten und plaziert präzise den Ausreisestempel neben den Einreisestempel in unseren Pässen. Der Zöllner wäre ebenso schnell, müsste er nicht einen Kollegen konsultieren, dessen Unterschrift auf den Ausreisepapieren unserer Mopeds benötigt wird. Das dauert ganze 30 Minuten. Zeit für ein bischen Small Talk: Wieviel Fahrzeuge denn hier am Tag die Grenze passieren würden, will ich wissen. „Nicht viele.“, lautet die unpräzise, mich nicht zufriedenstellende Antwort. „Was sind nicht viele? 10 oder weniger?“, frage ich präzisierend nach. Ein gewisser Hang zum Number Crunching eilt mir ja bekanntermaßen als Ruf voraus! „Viel weniger!“ lautet die Antwort. Sprich, die Grenze wird fast nicht genutzt, und das kann bei der mühsamen Anfahrt auch kaum verwundern! Unterdessen beginnt es zu regnen, so dass uns die Pause im Trockenen ganz gelegen kommt. Als die Unterschrift endlich da ist, hört’s kurz zu regnen auf. So passieren wir den halb geöffneten Schlagbaum und überqueren auf der „Puente internacional“ den Grenzfluss Rio Canchis. Am Ende der Brücke herrscht bei den Peruanern Ordnung – der Schlagbaum ist verschlossen und wird sich auch erst nach Erledigung aller Formalitäten öffnen. Dies geht erfreulicherweis sehr schnell, sowohl bei der Imigracion, als auch am Zoll. Die Freundlichkeit aller Akteure hüben wie drüben ist mal wieder herzerfrischend!

Unter dem halb geöffneten Schlagbaum geht’s auf die „Puente internacional“ zum peruanischen Ufer des Rio Canchis.

Leider beginnt es wieder zu regenen, und das nicht zu knapp. Also ist seit längerer Zeit mal wieder Regenkleidung angesagt. Auf peruanischer Seite ist die Straße wieder asphaltiert, doch dafür in so erbärmlichen Zustand, dass es zunächst nur sehr langsam voran geht. Erschwerend kommt hinzu, dass der Regen viel Schlamm von den Hängen auf die Straße spült, der uns die Mopeds wie auf Schmierseife um die Kurven fitschen lässt. Mir tun die Menschen leid, die hier in jämmerlichen Hütten am Straßenrand leben und den ganzen Schlamm vor der Tür haben. Wie dicht die Hütten sind, ist noch eine ganz andere Frage!

Gute 70 Kilometer bleibt es nass, kurvig und holprig. Dann, hinter San Ignacio, geht es in eine tiefere Ebene. Es wird trocken und ziemlich schnell ziemlich unangenehm heiß, sodass es in den Regenklamotten nicht mehr auszuhalten ist. Bei 33 Grad empfängt uns mit Jaén die erste größere Stadt in Peru – ein extrem hässliches Kaff! Doch Schönheit zählt hier nicht, denn wir brauchen Geld, SIM-Karten, Sprit und etwas zu essen. Alles finden wir in Jaén und sind froh, den Ort gleich danach wieder verlassen zu können. Als Tagesziel haben wir für die verbleibenden drei Stunden bis Sonnenintergang das 110 Kilometer entfernte Certuvo ausgemacht, das angeblich über eine asphaltierte Straße erreichbar sei, so die Auskunft unserer Tischnachbarin beim Mittagsessen. Für die erste Hälfte trifft dies auch zu, wenn man von den vielen Baustellen einmal absieht. Danach ist es dann aber vorbei mit dem Asphalt. Mit dem trockenen Wetter leider auch! Bei Regen und Nebel führt uns eine matschig-geröllige Piste über 3.500 m hoch in die Berge. Es wird teilweise so dunkel und nebelig, dass ich Steve’s Scheinwerfer hinter mir nicht mehr erkennen kann. Das macht echt keine Freude! Zwischendurch überkommt mich das schreckliche Gefühl, mein Moped habe hinten einen Platten – auch das noch! Wir nähern uns bedenklich der Dämmerung, und von Certuvo trennen uns noch gut 20 Kilometer, sprich eine 3/4 Stunde! Ein schreckliches Szenario spielt sich im Kopfkino ab. Ich sehe mich schon im Dunkeln auf dieser einsamen Bergpiste im strömenden Regen den Reifen flicken. Doch zum Glück ist es nur der stellenweise sehr lose Schotter, der mir das Gefühl eines Platten vorgegaukelt hat. Der Reifen ist ok, und ich bin erleichtert!

Die Piste nach Certuvo schlängelt sich steil durch die Anden

Um kurz nach sechs erreicht die Piste ihren höchsten Punkt, als die Dämmerung hereinbricht. Laut GPS soll Certuvo nur noch 4 km entfernt sein, aber mir fehlt die Phantasie, wo hier gleich eine recht große Stadt auftauchen soll. Wir sind in der Pampa! Und da, ganz plötzlich, eröffnet sich hinter einer weiteren Kehre ein Tal, und mittendrin liegt mit Certuvo wieder ein bemerkenswert hässlicher Ort. Wir kreisen zweimal um das Zentrum, bis wir das Hotel finden, dass ich zuvor in Google Maps ausgesucht habe. Komplett nass und erledigt kümmert es uns nicht, dass das Hotel zu teuer ist. Wir freuen uns einfach auf eine Dusche, trockene Klamotten und ein warmes Bett! Und all das bietet uns dieses Hotel.

Fahrzeit unterschätzt: Bevor wir Certuvo erreichen, kehrt über der Piste bereits die Dämmerung ein!

Am Freitagmorgen steht vor der frühen Weiterfahrt erstmal Kettenpflege auf dem Programm. Die Bürste holt gefühlt kiloweise den Schlamm und Staub aus den Ketten, ehe das gute SAE80-Öl aufgetragen wird. Der gestrige Nachmittag hat uns eindrucksvoll vor Augen geführt, dass wir die fast 2.500 km bis Cusco auf über 50% Straßen dieser Kategorie niemals in der vorhandenen Zeit zurücklegen können. Also muss eine Streckenänderung geplant werden. Diese sieht vor, dass wir uns von hier auf direktem Wege nach Trujillo begeben und bis südlich von Lima die Panamericana fahren. Dann geht es wieder in die Berge Richtung Machu Picchu und weiter nach Cusco und Puno an den Titicaca-See. Nicht die erste Wahl, aber der normativen Kraft des Faktischen folgend!

Trujillo also das Tagesziel für heute – mit 400 Kilometern eine stramme Etappe, zumal darin etliche Pisten enthalten sind. Es wird ein großartiger Tag. Das Wetter spielt gut mit. Zuviel, sprich blauen Himmel, darf man gleichwohl nicht erwarten. Ich freue mich schon über ein wenig diffuses Sonnenlicht aus verschleiertem Himmel. Bis Cochabamba ist die Straße sehr eng und häufig durch Baustellen im Pistenformat. Schilder weisen auf eine „Geologisch instabile Region“ hin und so ist auch der Fahrbahnbelag. Das Örtchen Cochabamba präsentiert sich typisch für hier als ein verstaubt-verschlammtes Nest mit schrecklicher – meist unvollendeter – Architektur, das aber über einen liebevoll gestalteten zentralen Platz (meist „Plaza de Armas“ genannt) verfügt.

Die Plaza de Arma von Cochabamba

Anschließend geht es auf etwa 2.900 m hinauf, wo wir bis Llama immer am Hang auf gleicher Höhe fahren, bis wir uns über eine 30 km lange Abfahrt in das Tal des Rio Chancay stürzen dürfen. Es ist ein riesen Spaß, allein auf der Straße die endlosen Kurven hinunter wedeln zu dürfen. Das Flusstal erstrahlt in sattem grün. Bauern waten hier knöcheltief in den gefluteten Feldern, in denen vermutlich Reis angebaut wird.

Ein Windpark am Wegesrand hinter Cochabamba
Blick aus der Höhe vor Llama
Sattes grün im Tal des Rio Chancay – ist das hier Reisanbau?

Nachdem wir eine Weile dem Rio Chancay gefolgt sind, zeigt das GPS eine mögliche Route, um Chiclayo abzuschneiden. Sieht gut aus, denke ich, und folge dem Vorschlag. Da ahne ich noch icht, was für eine Strecke das sein wird. Aus einer anfänglichen Piste durch landwirtschaftliche Nutzflächen wird sehr bald ein „Single Trail“, der zunehmend sandiger wird. Erstaunlich, welche Pfade das Navi kennt. Eine knappe Stunde wühlen wir uns durch das Dickicht und schaffen das ohne nennenswerte Probleme. Zufrieden und arg verstaubt erreichen wir gerade richtig zum Mittagessen das Städtchen Cayalti. Hier verändert sich das Klima deutlich. Heiß und trocken wird es. Da erinnere ich mich an die Worte von Mauricio, der Peru immer als Wüste bezeichnet, was sich nicht mit meiner Erinnerung an 2013 deckt. Da waren wir aber auch nicht hier im Nordwesten des Landes.

Mittagspause in Cayalti – Ab hier wird das Klima trocken, staubig und heiß!

Die Wüste zeigt sich mit jedem Meter, den wir weiter gen Südwesten an die Küste fahren, deutlicher. Auf der Panamericana fühle ich mich dann endgültig an meine vielen Saharareisen erinnert, als der Sand über die Fahrbahn weht und ich bei Geradeausfahrt in Schräglage bin. So geht das 175 km bis Trujillo, wo wir schon am frühen Nachmittag in das Chaos der Rush Hour eintauchen.

Nördlich von Trujillo führt die Panamericana durch Wüste.

Trujillo war mir aus 2013 bei der Durchreise als hässliche Stadt in Erinnerung geblieben. Das ist sie auch in der Peripherie. Wenn man aber ins Zentrum kommt, was wir damals nicht taten, dann entpuppt sich da eine wunderschöne im Kolonialstil erbaute Stadt mit einer imposanten Plaza de Armas, um die herum sich das Leben abspielt. Auch unser „Hotel Colonial“ liegt gleich nebenan und fügt sich architektonisch ins Bild – ein Prachtbau mit zwei Patios. Im ersteren dürfen wir, problemlos wie stets, unsere Motorräder parkieren.

Unser Hotel Colonial in Trujillo
Verschönert nicht gerade den Patio, dennoch willkommen, die Mopeds dort parken zu dürfen!
Andere Seite des Patio

Die Plaza de Armas erleben wir gerade im letzten Sonnenlicht. Menschen flanieren dort, oder ruhen auf den Bänken und genießen die letzte Sonne des Tages. Die Kathedrale erleuchtet sonnengelb und aus dem Inneren ertönt Kirchenmusik. Ein Straßenmusikant hält dem mit seinem Saxophon entgegen. Nach dem langen und abwechslungsreichen Tag im Sattel, ist ein solcher Spaziergang in einer so schönen Stadt immer wieder ein besonderes Geschenk! Was mir immer am meisten Freude bereitet, ist die Beobachtung interessanter Leute. Hier gibt es einige davon (siehe Bilder).

Denkmal auf der Plaza de Armas: Symbolisiert die Unterdrückung, sowie den Freiheitskampf und die Befreiung von den Spaniern
Eine andere Perspektive der Plaza de Armas mit Kathedrale im Hintergrund
Interessante Gestalten auf der Plaza No. 1: Mann mit Sonnenhut
Interessante Gestalten auf der Plaza No. 2: Coole Polizistin
Interessante Gestalten auf der Plaza No. 3: Tanzendes Paar

So hat der Tag nach der ernüchternden Planänderung vom Morgen am Ende eine tolle Wende erfahren. Ich hatte heute keinerlei Erwartung an Trujillo und fühle mich jetzt umso mehr beschenkt. Mal schauen, ob sich das morgen fortsetzt. Denn auch dort habe ich wenig Erwartung an die Strecke nach Lima. Übermorgen sieht es dann schon wieder anders aus, wenn wir die Berge Richtung Machu Picchu ansteuern!

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