38 Familienbesuch in Cali

Irgendwie ist es für mich noch immer ein irrer Gedanke, aber andererseits auch ein großes Privileg. Da bist Du am anderen Ende der Welt und besuchst Familie. Da sind so weit von der Heimat entfernt in der Tat Menschen, die Dich kennen und auf Deinen Besuch warten – ein schönes Gefühl, meiner Schwiegermama sei Dank! Aus Bogota bekomme ich von Mauricio noch ein Abschiedsphoto hinterhergeschickt, das er bei meiner Abfahrt in seiner Tiefgarage aufgenonmmen hat.

Abschiedsphoto von Mauricio in seiner Tiefgarage in Bogota aufgenommen

In Cali angekommen, sind es Virginia und Fernando, die auf mich warten. Die beiden kommen quasi zeitgleich mit mir von einer Wochenendreise aus Medellin zurück. Fünf Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, und davor auch nur drei mal, doch es besteht von Anfang an eine herzliche Vertrautheit, die mich hier gleich zuhause fühlen lässt. Sie wohnen im Süden von Cali in einer durch Guards gesicherten Wohnanlage mit 25 Häusern. Die Sicherheit in dieser Gegend hat sich in den vergangenen Jahren nicht gerade verbessert. Das Haus erkenne ich kaum wieder, haben Virginia und Fernando es kürzlich erst komplett umgebaut. Innen ist nichts mehr wie es war. Wände wurden versetzt, bzw. entfernt, Türen, Böden, Einrichtungen erneuert, und alles erscheint in neuem Glanz viel heller als zuvor. Ich bin beeindruckt!

Die Ausfahrt aus der gesicherten Wohnanlage
Das frisch renovierte Haus von Virginia und Fernando in Cali

Auch hier wohne ich wieder im Luxus! Eigenes Zimmer mit eigenem Bad und ein trockener Parkplatz fürs geliebte Pferd. So lässt es sich prima ein paar Tage aushalten. Wieder habe ich jede Menge Zeit, mich der vielen Kleinigkeiten zu widmen, die auf einer Reise zu erledigen sind. Besonders genieße ich die Terrasse zum Garten aus der Hängematte; meist lesender oder schreibender Weise. Hier gibt es alles, was man zum Relaxen und Wohlfühlen braucht, sogar einen Whirlpool und einen Fitnessraum!

Gartenansicht der schönen Terasse mit Hängematte ….
…. sowie Whirlpool und Fitnessraum

Den Dienstag vertrödele ich bis zum frühen Nachmittag mit Lesen, Schreiben, Telefonieren sowie mit der weiteren Tourplanung. Virginia und Fernando führen ihre eigene Baufirma und kommen am Nachmittag zurück, als uns das Hausmädchen Vanesa mit einem tollen Mittagessen verwöhnt. Danach folgen für mich weitere Sprachstunden in Spanisch, die mich tatsächlich sprachlich weiter bringen, die aber auch anstrengend sind. Am Abend haben wir uns dann auf den neuesten Stand der Familiengeschichte gebracht und ich bin ganz schön geschafft – freue mich aufs Bett!

Virginia und Fernando

Am Mittwoch steht ein weiterer Besuch in Cali an. Diesmal im Norden der Stadt. „Der Besuch der alten Dame„, jedoch nicht dem Drama von Dürrenmatt nachempfunden! Ich besuche die 91-jährige Marta Muerrle (genannt Martica), die Großmutter von Maria und Paula, die vor fast 20 Jahren mal ihre Auslandschulsemester bei uns in Berlin verbracht haben. Sie ist außerdem die Mutter von unserem Freund Gustavo, der seit einem Jahr in Berlin wohnt, und nicht zuletzt ist sie eine frühe Jugendfreundin von Arianes Mama, Luz Helena, aus deren Heimatstadt Popayan. Da hängt so einiges zusammen, und wir haben ein sehr inniges, familiäres Verhältnis zur Familie Muerrle. In Bogota – das habe ich gar nicht erwähnt – habe ich in der letzten Woche auch die Eltern von Maria und Paula, Marta und Carlos, besucht und mit ihnen einen sehr schönen Abend verbracht. Marta ist eine Schwester von Gustavo und eine Tochter von Martica. Letztere besuche ich also am Mittwochmorgen in ihrer Wohnung im 10. Stock eines recht luxuriösen Hochhauses nördlich des Zentrums von Cali. Das heißt, ich fahre gute 20 Kilometer von Süd nach Nord durch diese 3-Millionen-Metropole, die es verkehrstechnisch fast mit Bogota aufnehmen kann. Auch hier quält sich ein unglaublich emittenter Straßenverkehr mangels funktionierendem ÖPNV-Systems durch die Straßen dieser ziemlich hässlichen Stadt. Ich schließe mich den wuselnden Mopeds an und schaffe die Strecke dadurch in erstaunlich kurzen 45 Minuten. Mit dem Auto wohl eine doppelt so lange Angelegenheit!

Von drei jungen Damen bestens versorgt, treffe ich Martica in erfreulich rüstiger Form an. Wir unterhalten uns eineihalb Stunden ganz prima auf ihrem riesigen Balkon und blicken dabei über den Smog der Stadt. Marticas deutliche und gemächliche Sprache macht mir die Unterhaltung sehr leicht. Dabei erfahre ich – was ich möglicherweise schon wissen sollte, aber nicht präsent habe – dass Virginias Mutter, Maria Pilar, eine direkte Cousine von Martica ist – ein weiterer Zusammenhang! Die für unsere Verhältnisse riesigen Familienstrukturen und die vielen Zusammenhänge zwischen den Familien Sarria und Muerrle lassen den Gesprächsstoff nicht ausgehen. Martica hat dies alles bestens auf dem Schirm! Bei leckerem Pan de Yuka und Jugo de Lulu vergeht die Zeit wie im Fluge. Schließlich lasse ich die „alte Dame“ allein, da am Nachmittag noch ein Treffen außer Haus auf ihrem Programm steht. So kann man gut alt werden!

Abschiedsbild mit Martica auf dem Balkon ihrer Wohnung

Zurück im Süden bei Virginia und Fernando, erfahre ich von meinen Reisegefährten per Telefon, dass sie einen sehr aufregenden Tag hinter sich haben. Sie waren am Dienstag früh aus Cali aufgebrochen, um auf der gut ausgebauten Ruta 25 über Popayan nach Pasto (nahe der Grenze zu Ecuador) zu fahren. Kurz vor Popayan zwang sie dann ein Erdrutsch, einen Umweg zu nehmen. Leider haben sie sich für den falschen Weg entschieden. Am Mittwoch führt sie dieser nach einer Übernachtung in Inzá über eine sehr verschlammte Piste in eine gottverlassene Gegend, die ihnen kaum ein Vorankommen erlaubt. Steve bringt es insgesamt 5 mal, Wayne 3 mal und Dave keinmal zu Boden. Entsprechend abgekämpft und verdreckt erreichen sie das winzige Dorf Nagata und stehen plötzlich 5 bewaffneten Guerrillieros gegenüber, die sie stoppen und sich erstmal der Zündschlüssel ihrer Mopeds bedienen. Man verhält sich wohl freundlich und lässt die Waffen nach unten gerichtet, aber trotzdem fordern sie 5.000.000.- Pesos, was 1.000.-$ entspricht. Die drei haben nur wenig Bargeld dabei und bieten einen Bruchteil der geforderten Summe an. Daraufhin spricht einer der Guerrillieros per Funkgerät mit seiner Obrigkeit, was dazu führt, dass sie ohne zu bezahlen weiterfahren dürfen.

Es ist also alles gut gegangen, doch diese Erfahrung steckt ihnen während des Telefonats noch spürbar in den Knochen. Die Lehre daraus entspricht haargenau dem, was mir alle aus der kolumbianischen Familie immer wieder einimpfen: „Bleibe im Süden des Landes immer auf den Hauptstraßen!“

Jetzt machen die drei erstmal in La Plata, einem etwas größeren Ort, Station und kurieren den Schrecken und die Blessuren von den Stürzen aus. Das betrifft auch Waynes Moped, eine Triumph Tiger, deren Gabelöl sich unangenehm über die Bremsscheiben ergießt – keine Freude. Ein örtlicher „Taller“ soll’s richten. Diese Geschichte verlegt unser Wiedersehen deutlich nach vorne, denn jetzt sieht es so aus, als würde ich schon vor ihnen in Pasto ankommen. Eigentlich dachte ich, die drei erst in Peru wiederzutreffen.

Heute am Donnerstagmorgen ist bereits mein letzter Tag bei Virginia und Fernando angebrochen. Während ich gerade diesen Blogbeitrag schreibe, bereitet Vanesa das Mittagessen für den Besuch der ganzen Großfamilie vor. Es kommen ihre Mutter, Maria Pilar und ihre Schwestern Mona, Ximena und Anna Marie. Außerdem noch der älteste Sohn Pablo mit seiner Frau Maria Isabel und Töchterchen Matilda, ein wahrhaft süßes Knuddelchen!

Süßes Knuddelchen Matilda – zweijährige Enkelin von Virginia und Fernando
Familie in Cali: Anna Marie, Maria Pilar, Mona, Maya (Tochter von Anna Marie), Virginia, Ximena, Maria Isabel, Matilda, Pablo

Wir verbringen alle zusammen einen sehr lebhaften und auch kulinarisch tollen Nachmittag, was mich sprachlich oft an meine Grenzen führt, doch insgesamt funktioniert die Unterhaltung sehr gut – macht mir viel Spaß! Zum Abend hin löst sich die Gruppe peut-à-peut auf, und man kommt mit den verbleibenden tiefer ins Gespräch, erfährt dabei viel über die aktuell schwierige Situation im Lande. Der jüngst gewählte Präsident Petro sorgt für erhebliche Angst vor einem totalitären Staat à la Venezuela!

Es ist Freitagmorgen, und eigentlich wollte ich jetzt auf dem Wege nach Pasto sein, doch angesichts der Verspätung meiner drei amerikanischen Reisegefährten verlängere ich meinen Aufenthalt noch um einen tag und fahre morgen früh nach Pasto, wo ich die drei dann hoffentlich wohl behalten wiedersehe. So bleibt mir noch ein Tag mit Muße zum Lesen. Ich arbeite mich noch immer durch das Reklam-Büchlein von Humboldt’s „Ansichten der Natur“, das mir unsere Freundin Hanim mit auf die Reise gegeben hat. Es könnte kaum eine passendere Lektüre für diese Reise geben!

Den nächsten Blogeintrag gibt es dann aus Ecuador, wo wir voraussichtlich am Sonntag einreisen werden.

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