31 Honduras & Nicaragua, oder was mach ich hier?

Kennt Ihr das auch? Manchmal, wenn ich mitten im Hamsterrad einer Aktivität stecke, überkommt mich schon mal die Sinnfrage: Was mache ich hier eigentlich? Und vor allem: Warum? So ging es mir gestern an der Grenze von Honduras nach Nicaragua – ein einziger Albtraum! Doch dazu komme ich später zu sprechen. Unser Ruhetag in El Tunco im Süden El Salvadors ist uns gut bekommen. Insbesondere Dave, der schon seit Tagen rumkränkelt, hat sich im tropischen Strandklima gut erholt.

Von El Tunco zur Grenze nach Honduras sind es gut 200 Kilometer. Schon bald verlassen wir die Küste und fahren über weitestgehend leere Straßen nach Usulután durch flaches Land. Die schwüle Hitze macht uns ziemlich zu schaffen. Der Wasserverbrauch steigt dementsprechend steil an. Umso mehr genießen wir ein kurzes Intermezzo, das uns zwischen zwei Vulkankegeln auf knapp 900 Meter Höhe führt und eine angenehme Abkühlung auf gerade noch 25 Grad verschafft. Die Freude währt nur kurz, denn San Miguel, die nächste Stadt, liegt schon wieder knapp über dem Meeresspiegel. Die Straße zur Grenze passiert viele Obststände. Bananen sind hier im Überfluss vorhanden und werden zu einem Spottpreis angeboten. Ich zahle für 5 Stück gerade mal 15 Eurocent. Der letzte Ort in Salvador ist Santa Rosa de Lima. Die vielen freundlichen Straßenverkäufer sorgen für einen eindrücklichen Geräuschpegel im Ort und fallen durch ihre Freundlichkeit auf. Von allen Seiten wird uns zugewunken.

Bananenverkauf am Straßenrand
Obstverkäuferin in Santa Rosa de Lima – der letzte Ort in El Salvador

Die Grenze erreichen wir gegen 13:30 Uhr. Es läuft das übliche Spiel ab, nur dass man hier erstmals die „Estacion de Salud“, einen Gesundheitscheck durchlaufen muss. Der unfreundliche Empfang durch eine vollkommen charmebefreite Dame mittleren Alters lässt nichts Gutes erahnen. Und so überrascht es nicht, dass sie auch gleich Ärger macht. Wir sollen eine honduranische Covid-App herunterladen. Als ich ihr verständlich machen kann, dass ich mit meinem Handy hier keinen Empfang habe, geht es auch ohne die App. Man akzeptiert die deutsche Corona-App und notiert klein-klein alle Informationen meiner vier Impfungen mit Datum, Impfstoff und Dosierung! Dann darf ich weiter.

Grenzstation von El Salvador bei der Ausreise

Es kommt als nächstes die Emmigracion aus El Salvador und der Fahrzeugexport aus selbigem. Das funktioniert einigermaßen schnell. Als ich mich enttäuscht zeige, dass es keinen Stempel für die Ausfuhr im Pass gibt, erbarmt sich ein sehr netter Zöllner auf mein Bitten hin und schreibt mir ersatzweise in den Pass „I liked you were here in El Salvador„. Das finde ich ziemlich cool!

Am Zoll von El Salvador gibt es eine Widmung anstelle eines Stempels in den Pass – irgendwie cool!

Die Immigracion in Honduras läuft problemlos. 5 Minuten und 3US$ später stehen wir am Zoll. Dort spielt sich gerade ein Drama bei der Einfuhr eines Autos aus Amerika ab. Das dauert ganze eineinhalb Stunden! Dann kommen wir an die Reihe und werden Zeugen eines unglaublichen bürokratischen Kraftaktes. Nachdem die freundliche Zöllnerin je Moped etwa 10 Minuten lang eine Computermaske befüllt, muss sie anschließend das ganze handschriftlich auf ein Durchschlagformular übertragen, das sie uns anschließend aushändigt. 1984? Am Ende haben wir mal wieder die üblichen drei Stunden für den Grenzübergang gebraucht und kommen gerade rechtzeitig zum Gewitter in den Sattel.

Grenzstation von Honduras bei der Einreise

Die Hoffnung, ohne Regenklamotten losfahren zu können, wird schnell zerstört. Wir pellen uns ein und schaffen es nicht mehr vor Dunkelheit in den nächsten Ort zu kommen. Wir erreichen Nacaome nass und gestresst im Finsteren, finden aber gleich ein ganz passables Hotel, in dem man uns für 39 US$ ein Dreier-Zimmer anbietet. Nebenan gibt es auch noch ein Restaurant, somit ist der Abend gerettet.

Der nächste Morgen versöhnt mit Bilderbuchwetter. Ein neuer Tag mit neuen Eindrücken. Wieder erleben wir ein gänzlich anderes Land. Die Straßen sind viel besser als es im Reiseführer für Honduras angekündigt war. Außerdem verändert sich die Architektur. Die Gebäude tragen ornamentartige Bögen über den Terassen und Veranden, die an den Orient erinnern.

Neues Land – neue Architektur: Erinnert ein wenig an den Orient!

Außerdem scheint Honduras sich dem Thema Energiewandel angenommen zu haben. Zum ersten mal sehe ich in Zentralamerika Windräder und Solarparks. Auch sind die Straßenränder auffallend sauber. Kein Plastikmüll wie in Guatemala und El Salvador. Immer wieder finden sich Menschen, die mit Säcken die Straße entlanglaufen und den Müll aufsammeln. Es scheint hier wirklich so etwas wie eine grüne Bewegung zu geben – das macht Mut!

Hochsicherheitstrakt – Ein Solarpark in Honduras!

Bei Choluteca überquert eine eindrucksvolle Brücke den Rio Grande, der als braune Brühe aus den urbewaldeten Bergen kommt. Direkt hinter der Brücke erleben wir eine Demonstration von vielleicht gerade mal 15 Menschen. Wir können leider nicht ausmachen, was Gegenstand ihrer Bekundungen ist. Auf jeden Fall bleiben sie bemerkenswerterweise unbehelligt. Sollte es in Honduras tasächlich so etwas wie Meinungsfreiheit geben?

Rio Grande a Choluteca
Demonstranten in Choluteca

Schon um zehn Uhr kommen wir zur Grenze nach Nicaragua, die uns schon ungut beschrieben wurde. Zunächst scheint sich dies nicht zu bewahrheiten, denn die Ausreise aus Honduras klappt sehr gut und dauert kaum mehr als 40 Minuten. Dann kommt die Desinfizierung der Fahrzeuge, die für uns ausfällt, da wir die Mopeds nicht komplett in einer Sprühanlage mit einer unbekannten Flüssigkeit eingenebelt haben wollen. Es kommt anscheinend nicht so darauf an! Auch die Überprüfung unserer Impfnachweise verläuft unkomliziert. Doch dann beginnt die Nerverei bei der Immigracion, die ja an allen bisherigen Grenzübergängen eher den unkomplizierten Teil ausmachte. Eine geführte Reisegruppe von gerade mal 12 Männekens braucht sage und schreibe 2,5 Stunden, um die Stempel in die Pässe zu bekommen. Dann soll es bei uns losgehen, denke ich. Aber falsch gedacht. Anscheinend haben wir versäumt, den Grenzübertritt 7 Tagen zuvor per Internet anzumelden. Von einer solchen Notwendigkeit haben wir nie zuvor gehört. Jetzt sorgt genau dieses Versäumnis für eine weiter Stunde Verzögerung. So langsam beginne ich am Rad zu drehen! Und das ist genau so ein Moment, von dem ich eingangs gesprochen habe, in dem ich mich ernsthaft frage, was ich hier eigentlich gerade mache. Wozu ist das ganze gut? Die Frage beantwortet sich glücklicherweise später reuelos, aber in diesem Moment steht mir wirklich alles im Hals! Als wir endlich dran sind, dauert der Prozess eine weitere halbe Stunde bis wir endlich den begehrten Stempel im Pass finden. Und jetzt noch der Zoll. Dieser erweist sich aber entgegen aller Erwartungen als effizient. Zwar müssen wir sämtliches Gepäck vom Moped nehmen und durch den Scanner schicken – man ist hier sehr auf Drohnen fixiert, die man auf gar keinen Fall ins Land lässt – doch dann werden wir ohne weitere Wartezeit abgefertigt, erhalten recht schnell die Einfuhrpapiere und bezahlen für die nicht stattgefundene Fahrzeugdesinfizierung. Alles in allem haben wir hier tatsächlich volle fünf Stunden verbracht, ohne heute schon etwas gegessen zu haben. Es ist 15 Uhr. Die Laune ist arg im Keller!

So, jetzt aber „La Rue“, denke ich, denn wir wollen noch vor Dunkelheit in Leon ankommen. Das sind etwa zwei Stunden, und etwas essen müssen wir auch noch. Die Sonne verschwindet bereits um viertel nach fünf – wird sehr knapp!

Bei Verlassen der Grenzstation müssen wir die Zollpapiere vorzeigen. War’s das nun endlich? Natürlich nicht! Dem Kontrolleur fällt nämlich ein, dass wir noch eine Versicherung abzuschließen hätten. Das soll bei einer Dame, die 50 Meter weiter unter einem Baum an der Straße steht, geschehen. Sehr suspekt, aber wir beugen uns der normativen Kraft des Faktischen und kaufen der Dame jeweils für 12 US$ ein handschriftlich ausgefülltes Formular ab, das behauptet eine Versicherungspolice für Nicaragua, Costa Rica und Panama zu sein. Sieht eher nach einem krummen Geschäft aus, aber egal, Hauptsache weiter!

Noch ein letzter Blick zurück zur Grenzstation, wo Reiter sich wie selbstverständlich in den Verkehr mischen, und wir verlassen endgültig diesen vermaledeiten Ort!

„Krumme“ Versicherungsgeschäfte am Straßenrand!
Pferde gehören in Nicaragua zum Straßenbild!
Ein letzter Blick auf die unsägliche Grenzstation von Honduras nach Nicaragua – zum Abgewöhnen!

Jetzt sind wir also in Nicaragua, und schon wieder ist alles ganz anders. Die Behausungen wirken noch viel ärmlicher. Verkaufsstände sind schwer als solche auszumachen und Restaurants oder Imbisse finden sich praktisch gar nicht mehr am Wegesrand. Stimmt so nicht, sie sind tatsächlich vorhanden, nur nicht als solche zu erkennen. Bis wir das heraus haben, sind wir wahrscheinlich schon an einigen vorbeigefahren, als wir endlich an einer größeren Straßenkreuzung ein kleines Restaurant finden, das uns ein sehr leckeres Reisgericht mit Rindfleisch offeriert.

Erstes Essen am Tag in Nicaragua um 16 Uhr

Die späte Mittagspause findet ein schnelles Ende, denn es bleibt nur noch eine Stunde im Hellen, was gerade ausreicht, um in Leon im Hotel Europa anzulanden. Eine gute Wahl! Schöne Zimmer im Patio, in dem auch die Mopeds Platz finden. Dazu eine funktionierende Klimaanlage, ohne die hier an Schlaf nicht zu denken wäre. Wir laufen noch ins Stadtzentrum, wo wir etwas trinken. Gegessen haben wir ja gerade erst.

Unser Hotel in Leon – Hotel Europa
Schöner Patio im Hotel Europa mit Mopedparkplatz!

Am Morgen gibt es sogar ein sehr gutes Frühstück im Hotel. Da der Tag am heutigen Montag (24.10.) nicht so anstrengend wird, erlauben wir uns noch einen Gang durch die Stadt bei Tageslicht, bevor wir uns auf den Weg an den Strand von San Juan del Sur machen. Das sind nur 200 Kilometer, doch auf gar keinen Fall wollen wir heute wieder eine Grenze in Angriff nehmen.

Behuftes Fahrzeug im Stadtverkehr von Leon
Leon eine klassische Kolonialstadt, die schon bessere Zeiten erlebt hat.

Wir nehmen von Leon die Straße nach Managua, die Hauptstadt des Landes. Die Straße führt durch üppige Bewaldung. Überall stehen Pferde, Esel und sehr lustig ausschauende Kühe mit übergroßen Ohren am Wegesrand. Managua umfahren wir weiträumig, erhalten aber einen genialen Blick auf die Stadt, die sehr schön am Ufer des gleichnamigen Sees gelegen ist.

Die Straße von Leon nach Managua
Blick auf Managua am Ufer des gleichnamigen Sees neben einem Vulkan gelegen

Insgesamt geht es in Nicaragua sehr viel spartanischer zu als in allen vorangegangenen Länder dieses Verbindungssteifens zwischen Nord- und Südamerika. Auffallend ist auch, dass die Menschen sehr viel ernster sind. Es trifft uns kaum mal ein Lachen. Die Bedienung in Restaurants oder Läden streift oft an der Grenze zur Unfreundlichkeit vorbei.

Die Verkaufsstände in Nicaragua sehen zuweilen recht traurig aus
Es gibt aber auch bessere!

Bereits kurz nach Mittag landen wir in San Juan el Sur direkt am Pazifikstrand, wo wir mit dem Hotel Casablanca eine sehr nette Unterkunft finden. Parken dürfen wir direkt neben der Rezeption im Haus. Ich liebe diese Selbstverständlichkeit, mit der hier die Mopeds in Sicherheit gebracht werden. So haben wir in dieser so „schrecklich unsicheren Gegend“ noch nicht eine Sekunde ein unsicheres Gefühl oder irgendwelche Sorge um unser Hab & Gut gehabt.

Sobald wir die Mopeds abgesattelt und die Zimmer bezogen haben springen wir in den Pazifik, der zwar recht warm ist, aber dennoch für etwas Abkühlung sorgt. Es ist hier erstaunlich leer. Die Saison soll erst Mitte November starten, wenn die Regensaison zu Ende ist. Dabei fällt mir auf, dass es heute bereits der zweite Tag ohne Regen war. Interessanterweise tummeln sich hier aber in der Saison laut Rezeptionist nicht die ausländischen Touristen, sondern die wenigen reichen Nicaraguer, die ihr Geld mit Kaffee machen, und die im Norden des Landes wohnen. Deren Yachten liegen hier in der Bucht von San Juan und sorgen für ein romantisches Bild im Sonnenuntergang.

Hotel Casablance am Pazifikstrand von San Juan el Sur
Strandblick gen Süden
Strandblick gen Norden
Pelikan beim Baden am Strand
Die Bucht von San Juan im Sonnenuntergang

Morgen nehmen wir uns die vorletzte der zentralamerikanischen Grenzübergänge vor. Nur 40 KM sind es nach Costa Rica. Mal sehen, ob es diesmal etwas schneller geht? Irgendwie bin ich der Staaten von Zentralamerika etwas müde. Nicht falsch verstehen! Ich finde es super interessant, diese Länder zu bereisen, doch es ist auch extrem anstrengend. Da bin ich nur froh, dass ich die Länder nur „One Way“ bereise und nicht wieder zurück muss!

Was ich so nicht erwartet habe, ist die zum Campen schwierige Topographie! Die meisten Flächen der Länder sind dschungelartig zugewachsen. Was an Flächen frei liegt, ist privates und bestelltes Land. Campingausrüstung ist hier komplett fehl am Platz. Dafür finden sich aber recht leicht ganz passable und günstige Hotels.

Ein Gedanke zu “31 Honduras & Nicaragua, oder was mach ich hier?

  1. Ralf Geister schreibt:

    Lieber Wolfram!
    Ich hoffe, Du hast eine befriedigende Antwort auf deine Frage gefunden. Auch wenn sie erstmal irgendwie nicht so positiv klingt, ist es bestimmt hilfreich sie sich ab und an zu stellen – und gut, wenn man eine Antwort findet.
    Anhand deiner Bilder bekomme ich den Eindruck, dass gerade diese Länder wunderschön sein müssen. Für mich wäre aber euer Tempo viel, viel zu schnell.
    Übrigens: Ich habe schon mal drei Tage auch die Einreiseabfertigung meines Fahrzeug warten müssen 🙂
    Ich wünsche Dir Genuß und Gelasssenheit
    glg Ali

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