27 Krank in Guanajuato

Man neigt ja schon mal dazu, sich für unverwundbar zu halten. So habe ich mich 4-5 Tage ganz gut mit meiner Bronchitis durchgeschlagen und fühlte mich auch wirklich nicht schlecht. Dann aber haben es sich die Bakterien auf den Bronchien gemütlich gemacht und mich vollkommen daniedergestreckt. Jetzt verbringen wir die dritte Nacht in Guanajuato, einer wunderschönen Kolonialstadt östlich von Leon gelegen, dort wo sich das „Who is Who“ der internationalen Automobilindustrie ihr Stelldichein gibt, um von den günstigen Löhnen zu profitieren.

Steve versorgt mich ganz mütterlich mit allem was ich brauche, vor allem Wasser und Tee, und genießt ansonsten den Sekundärnutzen, diese tolle Stadt einmal ganz in Ruhe erkunden zu können. Ich kuriere mit ärztlicher Online-Beratung meine Bronchitis mit Antibiotika aus und habe ein schlechtes Gewissen gegenüber Dave Wood, mit dem wir eigentlich für heute in Acapulco verabredet waren und ihn auch dementsprechend dahin gelotst haben. Nun haben wir aus verschiedenen Quellen soviele Warnungen über Acapulco erhalten, dass wir die Route doch ändern werden. Das hat neben Fragen der Sicherheit auch den Vorteil, dass wir länger in der klimatisch angenehmen Hocheben bleiben. So sieht das auch Dave, der wohl gerne Acapulco verlässt und uns nun in Oaxaca, südöstlich von Mexiko City, treffen wird. Mit ihm planen wir auch gerade die Passage um den Darien Gap, und es wird wohl auf eine Flugvariante aus Panama City direkt nach Bogota hinauslaufen. Wir haben mit Cargorider eine seriös anmutende Firma ausfindig gemacht, die uns ein Angebot unterbreitet hat. Für diese haben wir auch eine sehr gute Erste-Hand-Erfahrung eines Reisenden, der gestern in Bogota gelandet ist und alles als sehr gut organisiert und betreut empfand.

Soweit der Ausblick. Doch wie war der Weg vom Hotel Namenlos nach Guanajuato? „Flott und wenig ereignisreich“ fasst es ganz gut zusammen. Die Straßen sind seither allesamt gut ausgebaut, oft auch mautpflichtig, und verlaufen auf dem Plateau stets oberhalb von 2.000 Metern. Somit bleiben die Temperaturen im sehr erträglichen Rahmen, und nachts kühlt es auch deutlich ab. Der Montag war ein kurzer Fahrtag. Einmal überqueren wir noch eine Cordilliere, ansonsten führt uns der Weg über plattes Land. In etwa vier Stunden erreichen wir mit Durango ebenfalls eine alte Stadt, die sich im Kolonialstil präsentiert. Dort steigen wir im Hotel Ana-Isabel, einem alten Haus mit Charme doch ohne Komfort, ab. Für die Mopeds gibt es immerhin einen bewachten Hotelparkplatz in der Nähe. Es bleibt uns dann noch der Großteil des Nachmittags, die Stadt zu erkunden und einen Friseur zu besuchen. Selten habe ich für so wenig Haar so lange auf einem Friseurstuhl gesessen. Hingebungsvoll widmet sich die Friseurin beinahe jedem Haar einzeln!

Auf dem Weg nach Durango steht diese schöne Kirche – ein seltener Anblick!

Der Dienstag ist ein Marathon-Tag. Guanajuato steht auf unserer „Must-See-Liste“, doch bis dahin sind es über 600 Kilometer, und bei unseren bisherigen Erfahrungen in Mexiko ist das schon eine extreme Etappe. Doch es kommt anders als erwartet. Größtenteils über Mautstraßen erreichen wir Guanajuato bereits zwei Stunden vor Sonnenuntergang. Das einzige was hier aufhält sind die häufigen Polizei- und Militärkontrollen. Letztere lassen uns meistens passieren, doch die Polizei kontrolliert immer wieder sämtliche Papiere, insbesondere die der Mopeds. Sie sind dabei immer sehr korrekt und freundlich!

Einzige Unterbrechung auf dem Weg nach Guanajuato – Mittagessen bei Mary!

Über ein enges Gassengewirr und zahlreiche Tunnels befahren wir diesen beeindruckenden Ort. Die Stadt hat sich tief in die Arme eines Bergausläufers eingegraben, wobei die einzelnen Arme über Tunnels miteinander verbnunden sind. Das ist wohl nicht nur ein verkehrstechnische Verbindung einzelner Stadtviertel, sondern auch eine Schutzmaßnahme gegen Überflutungen, die hier immer mal wieder stattfinden. Es ist die bislang großartigste Einfahrt in einen Ort, die ich je erlebt habe. So von einer Stadt empfangen zu werden, macht wirklich Spaß!

Wir halten an einem alten Hotel inmitten einer engen Gasse an, blockieren dabei die komplette Gasse, finden aber ein freies Zimmer, bevor wir die Mopeds entladen und die Gasse wieder freigeben. Das regt hier keinen auf. Im Zweifel ertönt aus dem einen oder anderen wartenden Fahrzeug so laute Musik, dass sich alle gut unterhalten fühlen, während wir einchecken. Danach ergibt sich aber das Problem: „Was machen wir mit den Mopeds?“ Der einzige Moped-Parkstreifen in Hotelnähe ist vollgestellt mit kleinen Mopeds. Da müssen schon jeweils zwei benachbarte Bikes weichen, um Platz für eine von unseren zu schaffen. Das heißt warten – und das tun wir auch! Durch verschieben eines Mopeds auch mit Erfolg! Seitdem beobachten wir bald schon die dritte Nacht, in immer längeren Abständen, was sich da unten bei unseren Bikes auf der Straße abspielt – nicht viel, wie wir feststellen! Sie stehen da, wenig beachtet, friedlich rum.

Blick von unserem Balkon auf die Mopeds
Blick von unserem Balkon über einen kleinen Platz in die andere Richtung

Am Dienstag Abend gehen wir noch gemeinsam in die Stadt zum Essen. Hier merke ich schon, dass sich bei mir etwas anbahnt, kann aber den Abend noch genießen. Die ganze Stadt ist eine einzige Party und erstickt im Lärm. Überall spielen kleine Combos folkloristische Musik und aus den Bars schrillt mit ohrenbetäubendem Schallpegel Rock- und Popmusik aller Façon. Das ist ganz lustig, wenn man durch die Stadt schlendert, aber nervtötend, wenn man später im Bett liegt, sich krank fühlt und einfach nur schlafen will. Um drei in der Nacht kehrt hier erst die Ruhe ein!

So sehr viel mehr kann ich über die Stadt leider nicht berichten, denn seitdem liege ich im Bett, fühle mich schon viel besser und hoffe, das Krankenlager morgen verlassen zu können. Dave wartet nun schon lange genug auf uns, wobei er das alles sehr gelassen zu nehmen scheint. Ich freue mich, ihn bald kennenzulernen. Am Telefon wirkt er extrem sympathisch! Ab der Grenze zu Guatemala schließen sich möglicherweise noch zwei weitere deutsche Mopedfahrer an. Über eine WhatsApp-Gruppe sind deutsche Motorradreisende, die derzeit hier in der Gegend reisen, gut vernetzt.

Dann noch eine kleine Korrektur zum letzten Artikel: Wie mich mein Freund Guido – seineszeichens ein wahrer Vogelkundler – wissen ließ, waren die Krähen auf dem verendeten Rind tatsächlich Rabengeier und diese haben nicht den typischen Kragen, den ich erst finden musste, bevor ich einen Vogel Geier nannte. Wieder etwas gelernt – danke Guido!

4 Gedanken zu “27 Krank in Guanajuato

  1. Guido schreibt:

    So ist das. Wenn man erst wehrlos in der Fremde liegt, muss man sich auch noch von halbgebildeten Besserwissern und Vögelliebhabern beklugscheißen lassen! Auf dass du bald wieder mitmischen kannst, bei den nächtlichen Fiestas!

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  2. Beate Christel schreibt:

    Lieber Wolfram,
    wir wünschen dir gute Besserung und rasche Erholung!!!
    Vielen Dank für die atemberaubende Schilderung deiner Reise, es ist so spannend und macht so viel Freude zu lesen, was dir auf der Reise begegnet. Du schreibst so lebendig , man hat das Gefühl, dabei zu sein.
    Werde schnell wieder gesund und hab eine gute und sichere und spannende Weiterreise.
    Alles Liebe, Beate&Christian

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