12 Im Goldrausch von Alaska und Yukon

Schön war’s wieder auf dem Campground mit den heißen Duschen, und um 20:30 Uhr ist es dann soweit, dass ich meine Liebste wecken und ihr als erster zum Geburtstag gratulieren darf – das ist ein sehr gutes Gefühl!

Nach einer verregneten Nacht packe ich das Zelt ziemlich feucht ein und mache mich auf den Weg nach Chicken. Eigentlich hatte dieser Ort vor der kanadischen Grenze einen komplizierten indigenen Namen, aber den konnten die goldsuchenden Neuankömmlinge nicht aussprechen, und da dort so viele weiße Hühner auf den Wegen rumliefen, hat man ihm kurzerhand den Namen Chicken gegeben.

Wahrzeichen des Ortes Chicken

Chicken verströmt noch immer die Goldgräberstimmung von einst und stellt viele Arbeitsgeräte und Hütten aus der Zeit um 1900 aus. Bis in die 60-er Jahre hinein wurde hier Gold geschürft, zuletzt sogar im großen Stil mit einem gigantischen Schaufelradbagger. Heute ist der Ort nur noch für den Tourismus da. Für ein paar Dollar kann man zwei Stunden lang Proben aus einem Erdhaufen entnehmen und versuchen daraus etwas Gold auszuwaschen. Das scheint sogar zu funktionieren, wie mir zwei schweizer Touris stolz präsentieren.

Begrüßung am Ortseingang von Chicken
Goldschürfen im großen Stil damals, und ….
… Sorge um das leibliche Wohl der Touris heute

Ich verlasse Chicken auf einer schmierigen Piste Richtung Grenze. Nach einer interessanten Woche verlasse ich heute Alaska. Auf dem Wege zur Grenze sehe ich auf einmal am rechten Straßenrand eine wahre Parade an Fahrzeugen mit Anhängern und dazwischen drei Männer um ein ATV, auf dem zwei geschossene Caribous festgezurrt sind. Das ist die Jagd hier im 21. Jahrhundert!

Jägerbeute – zwei Caribous auf dem ATV

Die Grenze präsentiert sich in mitten der Einsamkeit als eine Ansammlung von drei grünen Häusern. Die Grenzformalitäten gestalten sich unkompliziert und flott. An Streß leiden die Grenzer hier bestimmt nicht!

„Grüne“ Grenze von Alaska nach Kanada (Yukon)

Nun führt eine rutschige Lehmpiste über gut 100km zum Yukon River, der sich mächtigb als braun-trüber Strom zeigt. Eine kleine Fähre führt vom erdigen Ufer hinüber nach Dawson City.

Der Yukon
Auf der anderen Seite des Yukon Rivers wartet Dawson City

Was Chicken im kleinen, das ist Dawson City in groß. Und im Unterschied zu Chicken wird hier noch immer nach Gold geschürft. Heute leben hier 2.000 Menschen. Um 1901 waren es kurzzeitig fast eine Millionen Menschen, die hier ihr Glück finden wollten, zumeist aber im Elend endeten und krank wurden. Die Stadt konnte den Ansturm gar nicht verkraften. Dawson City präsentiert sich dem Besucher als Westernstadt mit schöner Holzarchitektur.

Kirche von Dawson City nebst altem Hotel
Der Lebensmittelladen von Dawson City
Das Downtown Hotel ganz alt …..
…. aber auch Neubauten erscheinen im alten Stil

Ich will Dawson City erstmal schnell verlassen und morgen wieder zurückkehren, denn dann werde ich Carsten, einen Bekannten meines Freundes Ralf (Ali), hier treffen, der auch mit dem Moped unterwegs ist. Ralf hat den Kontakt eingefädelt. Als ich schon auf dem Moped sitze, prüfe ich schnell nochmal meine Nachrichten auf WhatsApp und entdecke da eine frische Nachricht, dass er schon heute hier ankommen wird. Er hat tatsächlich heute 850 Kilometer, und davon die Hälfte auf Pisten, zurückgelegt, um zeitgleich mit mir in Dawson City anzukommen – Respekt! Das ist sogar für meinen leidgewohnten Hintern eine stramme Leistung! Ich freue mich, ändere kurzerhand meine Pläne und lasse mich vor der Touristeninfo auf einer sonnigen Bank nieder, um mein Tagebuch auf Stand zu bringen. Gut zwei Stunden später taucht aus der Ferne das wohlbekannte Geräusch eines alten BMW-Boxermotors auf, und siehe da, es ist Carsten, den ich nur aus einigen WhatsApp-Nachrichten der letzten Woche kenne. Ziemlich strapaziert vom langen Fahrtag steigt er vom Moped, und es entsteht sofort eine sehr gute Stimmung. Er ist ein witziger und auch tiefsinniger Typ, zu dem ich sehr schnell einen Draht finde. Wir treffen noch Rolf, einen Mopedfahrer aus der Schweiz, unterhalten uns eine ganze Weile und entscheiden uns dann doch für unterschiedliche Schlafplätze. Rolf will auf der Stadtseite des Yukon bleiben, und Carsten und ich wählen den Campground auf der anderen Seite. Dort bauen wir die Zelte auf und haben einen sehr schönen Abend am Lagerfeuer. Carsten zaubert aus seiner Kombüse ein sehr leckeres Nudelgericht. So sitzen wir in angeregter Unterhaltung zusammen, bis wir feststellen, dass es schon halb drei geworden ist. Höchste Zeit zu schlafen!

Carsten vor seinem Zelt und Moped auf dem Yukon Campground
Zwei zufriedene Trapper am Lagerfeuer

Am nächsten Morgen machen wir uns nach dem Frühstück mit der Fähre auf nach Dawson City, wo wir den Mopeds ein wenig Pflege zukommen lassen. Es werden die Luftfilter ausgeblasen und bei mir die Kette gereinigt und geschmiert.

Morgens auf der Fähre nach Dawson City

Während wir an der Tankstelle unsere Moipeds nach getaner Arbeit wieder zusammenschrauben, spricht uns ein ziemlich abgerissen daher kommender ältere Mann an, der auf Krücken aus seinem Pick-up (hier Truck genannt) steigt. Wir unterhalten uns eine Weile, und dabei offenbart er uns, dass er Goldschürfer sei und in der Nähe einen „Claim“ besitze. Carsten regaiert blitzschnel und fragt, ob für uns eine Besichtigung möglich sei, was dieser vehement bejaht und sich als Nick vorstellt. Wir sollen ihm einfach folgen. Über die sogenannte Bonanza-Piste führt er uns knapp 10 km weit in das Tal des Bonanza Rivers und hält dann neben einigen Baggern an. Zur linken zeigt er uns den Claim eines Bekannten, bevor er uns zu seinem eigenen führen will, in dem heute aber nicht gearbeitet wird. So schauen wir einer jungen Baggerführerin und ihrem in der Baggerkanzel sitzenden Hund dabei zu, wie sie mit viel Geschick die Erde in eine Rüttelmaschine füllt, in der mit sehr viel Wasser das Erdreich von allem groben Geröll befreit wird, bis im unteren Teil auf Kunststoffmatten eine sandige Masse übrig bleibt.

Der Claim eines Bekannten von Nick in der Totalansicht
Baggerführerin und Hund bei der Arbeit – Befüllen der Rüttelmaschine
Lehrer und Schüler – so geht das Goldschürfen!

Es ist schon erstaunlich, wie primitiv sich ein solcher Claim gestaltet. Ein Zeltdach mit viel Treibstoff, Werkzeugen und Ersatzteile. Dazu eine Rüttelmaschine und ein Bagger, der diese befüllt. Ganz wichtig ist die Wasserpumpe, denn der Wasserbedarf ist enorm. Das ist alles. Von diesen Claims gibt es rund um Dawson City hunderte. Sie alle beuten die Erde ein zweites mal aus, denn diese Claims wurden bereits vor mehr als 50 Jahren schon geplündert. Damals waren die Maschinen aber noch primitiver. Die dicken Nuggets sind somit alle schon geerntet. Was heute gefunden wird ist das ganz kleine Gold, man spricht von „Flowers“, das aber auch noch seinen Wert hat.

Auf seinem eigenen Claim zwigt Nick uns dann, was mit der sandigen Masse aus den Kunststoffmatten der Rüttelmaschine geschieht. Zusammen mit Carsten wäscht er diesen Sand in einem speziellen Teller sehr zeitaufwendig aus, bis nur noch etwas schwarzer Sand übrig bleibt, in dem man jetzt ganz deutlich einiges an Goldstaub, bzw. Goldflocken erkennen kann. Das bringt er jetzt zu einem Bekannten, der den magnetischen, schwarzen Sand vom Gold mit einer speziellen Apparatur trennen kann.

Nick’s Claim – gerade im Stillstand
Goldwäscher bei der Arbeit
Das vorläufige Endergebnis – schwarzer, magnetischer Sand mit kleinsten Goldflocken

Nach gut drei Stunden haben wir eine wirklich intensive Einführung in das Goldschürfen erhalten. Nick ist schon eine schillernde Figur. Er ist gerade mal 58, sieht aber aus wie 70. Ein intensives Leben mit Drogen hat ihn arg gezeichnet. Dafür ist er aber extrem gut zurecht im Kopf. Seine Erklärungen sind präzise und gefüllt mit Zahlen, Daten und Fakten. Dazu zeigt er ein erstaunliches Maß an Agilität. Was für ein Glück, dass wir ihm über den Weg gelaufen sind und, dass Carsten ihn angesprochen hat! Beide sind wir ganz beseelt von dem Erlebten, als wir zurück nach Dawson City fahren und dort erstmals nach langer Zeit ein gutes Abendessen beim Griechen bekommen.

Verabschiedung von Nick

Ein weiterer gemeinsamer Abend mit Lagerfeuer am Zelt, dann heißt es am Samstagmorgen schon wieder Abschiednehmen von Carsten, an den ich mich schnell gewöhnt habe, und mit dem ich gerne etwas länger zusammen gereist wäre. Aber unsere Richtungen sind nunmal entgegengesetzt. Carsten fährt nun nach Alaska und für mich geht’s über Carmacks und den Campbell Highway nach Watson Lake. Ich habe heute Glück mit dem Wetter, auch wenn die Temperatur etwas höher sein dürfte. Ich folge lange Zeit dem Yukon River und fahre ansonsten durch die Tundra.

Der Yukon River bei Stewart Crossing – hier ist er noch nicht trübe
Die Tundra mit Bergpanorama bei Carmacks
Und wieder der Yukon

Ab Carmacks geht es über 600 Kilometer (davon 2/3 Schotter) auf dem Campbell Highway nach Watson Lake, wo ich schon vor zwei Wochen auf dem Alaska Highway vorbeigekommen bin. Das Wetter wird zum Abend wechselhaft. Insgesamt zwar freundlich, aber es lauern überall Gewitterwolken, durch die mich die kurvige Strecke geschickt hindurch manövriert, ohne dass ich etwas abbekomme. Doch dafür ist die Piste vom vorangegangenen Gewitter zum Teil sehr aufgeweicht und rutschig. Dafür sind meine Pirelli Scorpion Rally STR nicht die beste Reifenwahl!

Regenbogen bei Faro

Kurz vor der Dämmerung und dem nächsten Schauer steuere ich bei Ross River den Campground an und finde dort wieder einen überdachten Piknikplatz, wo ich wieder eine Schlafburg baue, während es draußen schon zu regnen beginnt. Das Gefühl der Geborgenheit in einer solchen Situation ist nur schwer zu beschreiben, aber es ist ein ganz tolles Gefühl!

Schlafburg im Trocken – verleiht Hochgefühle!

Am Morgen bin ich dank des ersparten Zeltabbaus schnell startklar und verlasse Ross River schon vor 8 bei gerade mal 4 Grad! Das bleibt auch die ersten 3 Stunden so. Die Piste ist so feucht und weich vom Regen der Nacht, dass ich die volle Regenklamottage trage. Und das nur, um meinen Mopedanzug vor dem aufsprühenden Lehm zu schützen. Mensch und Maschine sehen bei Ankunft in Watson Lake nach 5 Stunden auf nasser Piste aus wie Sau! Immerhin scheint hier die Sonne bei 15 Grad, und ich taue so langsam beim Telefonieren mit Ariane wieder auf.

In Watson Lake steuere ich erstmal das Visitor Info Center auf, um diesen Blog auf den Weg zu bringen. Dann wird gleich noch getankt und eingekauft, bevor mich der Cassier Highway nach Stewart/Hyder an die Südspitze Alaskas bringen soll. Dort will ich den Grizzlies beim Lachsefangen zusehen, was wir bereits 2011 erlebt haben. Am Mittwoch (31.08.) will ich dann die Fähre von Prince Rupert nach Vancouver Island nehmen.

3 Gedanken zu “12 Im Goldrausch von Alaska und Yukon

  1. Heidi Dutkiewicz schreibt:

    Sind sie nicht genial die Visiror Centers? WLAN, frischer, oft kostenloser Kaffee, Platz zum Sitzen, WC, Karten , und die meist älteren freiwillig dort arbeitenden, entzückenden Ladies? Immer gut für ein Schwätzchen… wir haben es bei unseren Touren geliebt… Unsere german Touristen-Information hat ja leider meist was bürokratisches… Macht Spaß, mitzufahren, Danke. Gute und sichere Fahrt weiterhin, Wolfram! Wir packen derweil für Neuseeland, endlich!

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  2. Christian schreibt:

    Lieber Wolfram,
    Wir sind immer total geflasht von Deinen Erlebnissen und mir fehlen echt die Worte !
    Es scheint wieder eine großartige Reise zu sein und dafür wünschen wir Dir auch weiterhin herrliche Eindrücke und interessante Begegnungen.
    Beste Grüße
    Christian und Beate

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  3. Susanne schreibt:

    Lieber Wolfram,
    Nun sind wir bereits fast 14 Tage zurück vom ,Buddy Bog‘ : Deine Namensschöpfung gefällt uns so gut, dass wir nicht von ihr lassen möchten:))
    Deine Erlebnisse verfolgen wir immer sehr neugierig und finden es beneidenswert, was und wer dir alles so begegnet….
    Eine aufregende und sichere Weiterfahrt wünschen dir Susanne und Michael

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