08 Die Rockies und der erste Bär

…..oder war’s am Ende eine Bärin? Ich werde es nie erfahren, doch da das Tier alleine unterwags war, spricht vieles dafür, dass es tatsächlich ein Kerl war, so bleibe ich bei der männlichen Variante. Aber alles der Reihe nach, denn zuletzt war ich noch in St. Albert bei Edmonton, wo mein Moped einen Service bekam. Dort breche ich vom Horizon Motel um 8 Uhr auf, nachdem eine Gruppe ebenfalls dort untergebrachter Wanderarbeiter die halbe Nacht über vor meiner Tür recht geräuschvoll ein exzessives Saufgelage abgehalten haben. Ich habe selten so viele leere Bierdosen gesehen, wie beim verlassen meines Zimmers! Dazu der ekelhafte Kiff-Geruch! Cannabis ist übrigens in Canada überall käuflich zu erwerben und wird erstaunlich offensiv beworben. Edmonton’s Skyline maginalisiert sich schnell im Rückspiegel. Die ersten 200 km bleiben recht langweilig. Außer der einen oder anderen netten Bahnbrücke schmückt kaum etwas die Strecke.

Eine der wenigen Blickfänge hinter Edmonton

In Edson tanke ich voll und betrachte wieder einmal sorgenvoll die tief schwarzen Gewitterwolken am Himmel. Diesmal lasse ich mich hineinlegen und steige in die Regenpelle – vergeblich, wie sich bald herausstellen soll. Bei Hinton erblicke ich dann erstmals die Rocky Mountains am Horizont. Sofort klart die Stimmung auf. Dazu passt auch ein nettes Treffen am nächsten Parkplatz, wo ich mich gerade der Regenklamotten entledigen will, als ich auf deutsch von einem KTM-Fan aus Neuwied angesprochen werde. Er tourt gerade mit Frau und zwei Töchtern durch Alberta und British Columbia, nachdem sie zuvor eine der beiden Töchter von einem 8-monatigen Aupair-Aufenthalt in Calgary abgeholt haben – erinnert mich irgendwie an 2011, als wir Celine zu ihren Gasteltern nach Vancouver gebracht haben und vorher drei Wochen durch die gleiche Gegend gereist sind.

Der erste Blick auf die Rocky Mountains

Man unterhält sich sehr nett für eine halbe Stunde, in der alle Eckdaten abgehakt werden, dann zieht jeder seiner Wege. Kurz darauf fahre ich in den Banff-Jasper-Nationalpark, entrichte die Parkgebühr und lasse mich von der Berg-Seen-Flüsse Landschaft verzaubern. Die Bilder sind mir von 2011 noch sehr gegenwärtig, und dennoch ist es ein besonderes Gefühl, das mich mit Glücksgefühlen aufpumpt.

Berg-Seen-Flüsse Panorama bei Einfahrt in den Banff-Jasper-Nationalpark (1)
Berg-Seen-Flüsse Panorama bei Einfahrt in den Banff-Jasper-Nationalpark (2)

Etwa 50 km später erreiche ich Jasper, einen Eisenbahnknotenpunkt und Touristenmagnet. Es ist ganz plötzlich sehr heiß geworden, 30 Grad. Da zieht es mich in den Schatten einiger Bäume im Stadtpark. Der Touristenrummel ist mir zuviel, und so beschränke ich meinen Rundgang in Jasper auf den Bahnhof und den Park, bevor ich mich wieder verabschiede, um einen Schlafplatz zu finden. Im Nationalpark kann dieser natürlich nur auf einem offiziellen Campground liegen! Wie ich zuvor bei der Vorbeifahrt bemerke, habe ich leider nur knapp den Trans Canadian Express im Bahnhof von Jasper verpasst, der hier nur einmal in der Woche vorbeikommt – ein Eisenbahntraum komplett aus Edelstahl mit schönen Panoramawagen im 50-er-Jahre-Stil. Eine Augenweide!

Schattenspendende Bäume im Stadtpark von Jasper
Der Bahnhof von Jasper
Museumsstück vor dem Bahnhof

Schon 20 km vor Jasper fielen mir die zwei Hinweisschilder auf ausgebuchte Campgrounds auf, sodass ich geleich weiß, dass ich nur auf dem sogenannten „Overflow Campground“ am Snare River eine Chance habe, unterzukommen. Das sind 15 km zurück. Dort finde ich um 17 Uhr einen noch weitestgehend leeren und nicht sehr gemütlichen Campingplatz vor, der dem Namen „Overflow“ alle Ehre macht. Es ist ein komplett offener Platz riesigen Ausmaßes, durch den der Wind ordentlich hindurch pfeift. Egal, ich suche mir einen Platz, baue mein Zelt auf und laufe danach mit Badeklamotten zum 1 Kilometer entfernten Snare River, um dort zu baden.

Anschließend kehre ich zum Zelt zurück, bin erstaunt über den Grad der Ausslastung des eben noch so leeren Platzes und vervollständige mein Tagebuch, als mich der mittlerweile heimgekehrte Nachbar, der hier offensichtlich schon länger campiert, auf das freundlichste begrüßt und sich als Douglas, kurz Doug, vorstellt. Sofort wird mir eine Begrüßungsbier in die Hand gedrückt! Meinen Namen verkürzt er auf Wolf, und wir steigen sofort in eine sehr angeregte Unterhaltung ein. Doug ist 61 Jahre alt und war bis vor 6 Jahren Lokführer bei der staatlichen Eisenbahnlinie CN (Canadian National). Er stammt aus Jasper und hat sein ganzes Leben dort verbracht, bis er letztes Jahr mit seiner zweiten Frau in ihre Heimat nach Edmonton gezogen ist. Dort fühlt er sich aber nicht so wohl, bzw. vermisst er diese phantastische Natur, was kein Wunder ist. Daher zieht er öfters mal mit seinem Camper für eine Woche in die vermisste Bergwelt, um dort Fahrrad zu fahren und zu wandern. Als frühpensionierter Lokführer ist man in Kanada offensichtlich sehr gut gestellt, denn er bezieht eine Rente von 4.800.-$ nach Steuern! Einen gemeinsamen Bekannten finden wir auch. Paul Telliére war, bevor er vor ca. 20 Jahren CEO bei Bombardier wurde, der Chef von CN und für Dough derjenige, der die heile Welt für die Beschäftigten des Staatsbetriebs durch Privatisierung ins Wanken brachte!

Dough – eine super nette Campingplatzbekanntschaft – vor seinem Camper

Wir unterhalten uns bestimmt zwei Stunden, bis Doug meint, er müsse jetzt mal in die Küche gehen und Abendessen zubereiten. Meine mehr höfliche als ehrliche Ablehnung seines Mitessangebots überhört er geflissentlich, bzw. durchschaut er und offeriert mir 20 Minuten später einen Burger, der mir das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Nicht nur, dass er bildschön anzuschauen ist. Nein, die Zutaten sind auch vorzüglich: Avocado, Spinat, Tomate, Käse, Gurke und gebratener Bacon! Ich fühle mich beschämt, freue mich aber natürlich über dieses unerwartete Mahl, zumal meine Kombüse heute Abend leer geblieben wäre!

Doug verwöhnt mich mit einem Burger de Luxe!

Bei Einbruch der Dunkelheit verabschieden wir uns in unsere Schlafgemächer, nicht ohne die Frage nach dem Morgengetränk geklärt zu haben. Einen Kaffee? Unglaublich, diese Gastfreundschaft von Dough! Und so erscheint Dough am nächsten Morgen um 8 Uhr, als ich gerade alles gepackt habe und abfahrbereit bin, mit einer Tasse Kaffee und einem warmen Burrito in der Hand und bittet mich zum Frühstück – sprachlos! Eine halbe Stunde später verabschieden wir uns sehr herzlich, und zurück bleibt das schöne Gefühl, mit dieser Reisebekanntschaft gerade sehr reich beschenkt worden zu sein!

Ich fahre zurück auf den Highway, zurück nach Hinton, wo ich die Straße gen Norden zum Alaska Higway nehmen will. Ich passiere gerade eine sehr fotogene Stelle an einem meandernden Fluss und denke: „lass mal umdrehen und ein Photo schießen.“ Also drehe ich, und just in diesem Moment taucht vor mir ein sehr stattlicher Schwarzbär auf und überquert mit einer Seelenruhe im Zeitlupentempo die Straße. Die Zeit reicht sogar aus, nach der Kamera zu greifen und die Szene haarscharf einzufangen!

No Stress! Bär überquert mit Seelenruhe den Highway.
Geschafft! Und wie geht’s weiter?

Nachdem er die Straße überquert hat, verschwindet er im Dickicht zum Flussufer hinunter. Ich steige vom Moped und verfolge die Szene weiter aus sicherer Entfernung. Einmal mehr freue ich mich über die tolle Kamera, die ich extra für diese Reise meinem Freund Dirk abgekauft habe. Sie verfügt über ein erstklassiges Objektiv mit einer Brennweite von 24-600mm und einem blitzschnellen Autofokus. So gelingen mir bei der anschließenden Flussdurchquerung weitere schöne Schnappschüsse!

Halb schwimmend,….
…. halb laufend durchquert der Bär den Fluss und schaut misstrauisch zurück,…..
…. um am anderen Ufer wieder im Dickicht zu verschwinden!
Und das war das eigentliche Photomotiv, für das ich umgekehrt bin!

Ich bin noch vollkommen geflashed von diesem Erlebnis, als ich wieder auf dem Moped sitze und nun Kurs gegen Norden auf Alaska nehme. Ich kann gar nicht beschreiben, wie glücklich ich mich fühle, dies alles erleben zu können. Die gute Stimmung bleibt, auch angesichts der phantastischen Landschaft, durch die ich mich jetzt nordwärts bewege. Riesige Wälder in Hügellandschaft und dazwischen immer wieder Seen und Flüsse.

Zwei Schwäne am Wegesrand in malerischer Kulisse

Aber auch ein Kohleabbau im Tagebau mit angeschlossenem Kraftwerk und ein schwerer Truck-Unfall gehören zu den Sehenswürdigkeiten am Rande der Rocky Mountains auf dem Wege nach La Grande Praerie.

Staubige Angelegenheit – Kohle-Tagebau und Kraftwerk in schönster Natur
Mehrere Kilometer Zug transportieren die Kohle ab
Zu schnell – von der Straße abgekommen. „Stopp calling RCMP“ steht auf die Motorhaube gesprüht.

Kurz vor La Grande Praerie wird es wieder flach und langweilig, doch nur für kurze Zeit. 100 km weiter erreiche ich mit Dawson Creeg den Ort an dem der berühmte Alaska Higway mit „Mile Zero“ beginnt. Viele Reisende haben sich mit Aufklebern auf einer nicht mehr lesbaren Tafel neben dem Start-Tor verewigt, da darf ein Startphoto von mir auch nicht fehlen!

Startpunkt des Alaska Highway

Ab hier wird die Landschaft wieder interessant, auch wenn die Berge nur links am westlichen Horizont zu erkennen sind. Nach 50 Kilometern lasse ich mich neben dem Highway auf einem mäßig schönen Campground nieder. Heute ohne neue Bekanntschaften, aber es ist auch schon recht spät. Nach einem kurzen Spaziergang zum Fluss freue ich mich auch sehr auf den Schlafsack. Als Abendessen finde ich im Tankrucksack noch eine Banane – warum nicht?

Schlafplatz auf dem Campground in Taylor am Peace River
Abendspaziergang zur Brücke über den Peace River

Am heutigen Montagmorgen (15. August) verlasse ich in altbewährter Weise noch vor 9 Uhr den ollen Campground, bevor jemand zur Kenntnis nimmt, dass ich überhaupt da war. Zuvor telefoniere ich noch mit der Heimat, denn mittlerweile bin ich am 123. Längengrad bei 9 Stunden Zeitunterschied angekommen. Da reduzieren sich die gemeinsamen Wachstunden auf meinen Vormittag. Bei weiterhin schönstem Wetter fahre ich dann durch Bärenland am Rande der Rockies nach Fort Nelson, wo ich gerade Mittagspause mache und diesen Blog verfasse. Die Strecke bietet so viel Reize für die Augen, aber weitere Bären tauchen nicht mehr auf. Deren Hinterlassenschaften zeugen aber deutlich davon, dass es sie hier gibt. Allein die vielen Raben befriedigen die Wildlife-Gier. Dafür ist der breite Grünstreifen links und rechts vom Asphaltband schön bunt beblümt – auch eine Freude!

Endlos – der Alaska Higway mit buntem Blumenstreifen neben dem Asphalt

Mal schauen, wo mich der heutige Tag hinführt. In dieser tollen Kulisse bereitet das lange Mopedfahren jedenfalls keinen Stress, weder für Mensch noch für Maschine. Diese schnurrt wie ein Bienchen sanft vor sich hin!

3 Gedanken zu “08 Die Rockies und der erste Bär

  1. gtotila schreibt:

    Hallo Wolfram, es ist wieder eine große Freude, Deinen Tagebucheintrag zu lesen. Das erinnert uns sofort wieder an unserer Rundreise durch British Columbia 2019. Tolle Landschaft und Natur. Viel Spaß weiterhin und bleibe gesund!
    LG, Geli und Micha

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  2. Beate schreibt:

    Lieber Wolfram,
    was für ein tolles Erlebnis!
    Der Bär in freier Wildbahn ist so beeindruckend.
    Während unseres Aufenthalts in den USA im Studium haben wir auch einen Bären gesehen- viel weiter weg, aber so beeindruckend!
    Die Rocky Mountains sind mir auch in traumhafter Erinnerung, wir besuchten vor 32 Jahren eine Cousine von mir, die dort lebt und mit uns durch die Einsamkeit wanderte.
    Ich wünsche dir weiterhin so schöne Erlebnisse und eine gute Fahrt und freue mich auf deine so wunderbar geschriebenen Berichte! LG Beate

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  3. Bernd schreibt:

    Lieber Wolfgang,
    habe heute von Gabi den Link für Deinen neuen Blog bekommen.🙂
    Das war bisher ja schon sehr spannend und wird sicherlich noch spannender in den nächsten Monaten. Freue mich schon auf die nächste Einträge.
    Ich wünsche Dir weiterhin eine sehr gute und sichere Zeit.
    Viele Grüße (zur Zeit mit Sylvia gemeinsam in Quarantäne in Frohnau😔)
    Bernd

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