07 Frisch inspiziert in Edmonton

Den Lake Shoal verlasse ich schon früh am Morgen, als es mit 14 Grad noch ordentlich kühl ist auf dem Moped. Ich finde heute sogar mal ein paar kleinere Nebenstraßen und Pisten, die aber nichts daran ändern, dass die Landschaft extrem platt und reizarm an mir vorbeizieht. Es ist, das muss ich zugeben, derzeit ein reiner Transfer in den Westen Kanadas, wo dann die Rocky Mountains auf mich warten. Es sind dann schon eher die Plakate am Wegesrand, die für Unterhaltung sorgen, und die zeigen, dass es hier offensichtlich die gleichen Themen gibt wie bei uns auch.

Die gleichen Themen wie bei uns! Am Wegesrand plakatiert.

Saskachevan ist wie schon zuvor Manitoba ein reines Agrarland, wobei es weiter nördlich auch Gebirge gibt, doch da führen keine Westverbindungen hindurch. So bewege ich mich mit mäßigem Tempo durch die endlose Ebene, die nebenbei bemerkt auf einer stattlichen Höhe von ca. 600m liegt, und lasse mich von den vielen Landmaschinen, Silos und Güterzügen unterhalten. Dazu einmal am Tag ein Tankstopp mit Kettenpflege und Nahrungsaufnahme – That’s it! Interessant wird es dann immer wieder am Abend bei der Schlafplatzsuche. Es ist total verblüffend, wie es auch in dieser monotonen Gegend immer wieder gelingt, außergewöhnlich schicke Orte am Wasser für die Übernachtung zu finden; so auch am heutigen Mittwochabend. Mein Navi zeigt in geringer Entfernung die Überquerung eines größeren Flusses, den ich auch schon sehen kann. Da muss sich doch etwas finden, denke ich und erblicke auch kurz vor dem Fluss – bei Auswahl einer entsprechend großen Auflösung auf dem Navi – eine Piste in Richtung Fluss. Diese nehme ich und bin zunächst enttäuscht, dass sie in einem offiziellen Campground endet. Dieser ist aber wirklich sehr nett, mit kaum Infrastruktur und dazu kaum belegt. Ich finde den Campingwart zu so später Stunde noch an, zahle meinen Obulus und baue mein Zelt unweit vom Fluss neben einer Piquenique-Bank auf. Zu essen habe ich heute nichts dabei, also setze ich mich auf die Bank, um Tagebuch zu schreiben. Es dauert natürlich nicht lange, bis die benachbarten Camper, ob ihres üppigen Abendessens mit selbstgemachten Würstchen von selbst gejagtem Elch, sich meiner erbarmen und mich einladen herüber zu kommen und wieder einmal einen sehr netten Abend bei bester Verpflegung zu erleben. Caroline und Richard kommen aus dem nicht weit entfernten Prince Albert und verbringen hier eine Woche in ihrem riesigen Luxus-Wohnwagen. Er outet sich bald als Cree und sie hat deutsche Vorfahren. Ich bewundere einmal mehr die Selbstverständlichkeit und Offenheit mit der mir die Kanadier begegnen. Wir quatschen bis fast Mitternacht, dann ziehe ich mich mit vollem Bauch in mein Zelt zurück.

Campingplatz am Fluss mit sehr gastfreundlichen Nachbarn

Am Donnerstagmorgen schlafe ich ein bisschen länger. Der Himmel hat sich eingetrübt. So scheint es mir geraten, das Zelt schnell einzupacken, bevor es noch zu regnen beginnt. Heute herrscht zum ersten mal Ostwind – eine hier sehr ungewöhnliche Windrichtung, wie mir Richard sagte, die zudem meist einen Wetterumschwung bedeute. Da erinnere ich mich der Seifenblasen, die mir mein Celinchen im Carepaket mitgegben hat. Je nach Stimmungslage soll ich sie bei Ost- oder Westwind benutzen und ihnen beim Fortfliegen zuschauen. Heute ist das Fernweh eindeutig größer als das Heimweh! Ideal für Ostwind! So blicke ich den Bubbeln auf Ihrem Abflug gen Westen zu und sehne mich, ihnen in die Rocky Mountains zu folgen!

Mitgabe von Celine: Seifenblasen! Je nach Fern- oder Heimweh bei Ost- oder Westwind einsetzbar!
Die Blasen sind leider nicht zu erkennen, doch sie fliegen gen Westen!

Nach diesem kleinen Zeremoniell verlasse ich den Ort der Gastlichkeit, leider ohne mich von meinen Gönnern verabschieden zu können, denn sie schlafen um 9 Uhr noch. Es beginnt tatsächlich leicht zu regnen, doch mein Instinkt rät davon ab, in die Regenklamotten zu steigen, und er soll wieder einmal Recht behalten. Der Regen dümpelt für die erste halbe Stunde so dahin, ohne wirklich nass zu machen, und danach stellt sich die Sonne wieder ein. Der heutige Tag wird ein schwieriger. Es wird 31 Grad warm, Straße und Landschaft verharren in Eintönigkeit, und mir fallen die Augen zu. Die 500 km bis Edmonton ziehen sich wie Kaugummi und erfordern zweimal eine kleine Rast für ein Nickerchen im Schatten. Dann ist es endlich geschafft. Um halb sieben habe ich Edmonton erreicht und steuere in dem nördlichen Vorort St. Albert den KTM-Händler „Riverside Motor & Cycle“ an, bei dem ich morgen um 10 Uhr einen Termin zum Ölwechsel habe.

Hier gibt’s frisches Öl und kleinen Service für’s geliebte Moped!

Nur 500m entfernt erblicke ich ein kleines Motel, das gar nicht mal übel aussieht und finde dort sogar ein für hiesige Verhältnisse günstiges und freundliches Zimmer. Nach einer entspannten Nacht treffe ich um 10 Uhr Gage, mit dem ich vor zwei Tagen telefoniert hatte, am Serviceschalter für KTM. Es ist ein riesiger Laden, der gleich sechs Marken vertritt. Gage begrüßt mich wie einen alten Bekannten und hat schon meinen Auftrag vorbereitet vor sich liegen. 5 Minuten später ist das Moped bereits auf der Bühne und eine Stunde später frisch inspiziert und das Öl gewechselt. Zum Schluss gibt es noch eine sehr gründliche Wäsche als Gratis-Service! Das alles für umgerechnet 175.-€ – bei meinem KTM Händler undenkbar!

Man at Work – alles ganz ordentlich und nach KTM-Direktive!
Serviceleistung – eine Gratiswäsche!

Als ich das frisch geputzte Bike zurück erhalte, darf ich noch vor der Werkstatt mein vorderes Kettenritzel austauschen und erhalte die dafür notwendigen Werkzeuge von Gage gereicht. Es ist ein Versuch meinerseits, die Lebensdauer des Kettenkits zu verlängern, indem ich regelmäßig zwischen zwei vorderen Ritzeln wechsle. Denn dieses verschleißt immer am schnellsten. Mal sehen, ob’s klappt!

Glänzend sauber und „Ready to Go!“

Es ist schön, heute mal etwas Zeit zu haben und nicht auf dem Bock zu sitzen. So komme ich das erste mal dazu, joggen zu gehen. Ich laufe durch einen schönen Park mit See und verlasse diesen durch eine große Siedlung mit Einfamilienhäusern. Offensichtlich habe ich doch die Hitze unterschätzt und spüre die Dehydrierung mit etwas Schwindel. Ein älterer Herr vor seinem Haus wird wenig später meiner Bitte um ein Glas Wasser mit größter Selbstverständlichkeit nachkommen und mir sogar einen Stuhl und einen Plausch in seinem Garten anbieten. So leicht entstehen hier Kontakte. Nach einer halben Stunde schönster Unterhaltung weiß ich so ziemlich alles über den 84-jährigen Alex, der als 17-Jähriger seiner Schwester von Edinborough nach Vancouver folgte und ein sehr abwechslungsreiches Leben in der Transportbranche verbracht hat. Ich erhalte aber auch gute Tipps für eine Sightseeingtour durch Edmonton. Von Thunderbay und Winnipeg geläutert, habe ich nämlich erstmal gefragt, ob sich eine Fahrt nach Edmonton Downtown überhaupt lohne, was Alex vehement bejaht!

So mache ich mich am späten Nachmittag auf den Weg nach Edmonton City. Dort sieht es aus wie in einer typisch amerikanischen Großstadt. Die Straßen, streng im Schachbrettmuster gebaut, tragen Nummern. Als „Streets“ von Nord nach Süd und als „Avenues“ von Ost nach West. Nur einige wenige „Prachtstraßen“ kommen in den Genuss wirklicher Namen, so die Jasper Avenue, die mir Alex wegen der großartigen Aussicht auf das Tal des Saskachevan North Rivers empfahl. Und in der Tat, die Lage der Stadt mit dem tiefen Taleinschnitt und seiner vielen Brücken ist schon beeindruckend.

Blick 1 von Jasper Ave auf das Tal des Saskechuan North River
Blick 2 von Jasper Ave auf das Tal des Saskechuan North River

Die Jasper Avenue selbst ist eine Straße à la 5th Avenue in New York, nur nicht so belebt. Es laufen auffällig viele Menschen auf den Straßen, denen es gar nicht gut geht. Das mag man zwar in vielen Großstädten der Welt sehen, aber kaum einmal habe ich die Menschen dabei so elendig und schmutzig erlebt wie hier. So ganz rund läuft’s in diesem offenen und freien Land eben auch nicht!

Jasper Avenue in Edmonton
Jasper Avenue am anderen Ende

Zwei Gebäude, die mir besonders ins Auge fallen sind die Ewan University, ein ewig langer Bau mit einigen Turmpaaren an den jeweiligen Eingängen, und eine orthodox ausschauende Kirche, die sich später als ukrainisch, katholische Kathedrale herausstellt. Es ist mir am Wegesrand schon seit Ontario immer wieder aufgefallen, dass ukrainische Einrichtungen – meistens Restaurants – ausgeschildert waren. Ich fragte mich zunächst, ob das ein besonderes Kontribut an die aktuelle Lage in der Ukraine sei, doch offensichtlich gibt es schon seit langem viel Einwanderung aus der Ukraine.

Ewan University in Edmonton
Ukrainisch, katholische Kathedrale in Edmonton

Nun habe ich aber auch wieder genug vom Großstadtleben gesehen, wenngleich es schön war, aber eigentlich bin ich ja mehr der Landschaft wegen in Kanada unterwegs. Und genau das wird ab morgen wieder im Vordergrund stehen, wenn ich mich nach Jasper aufmache, wo die Rocky Moutains warten. Ich freue mich schon sehr darauf!

3 Gedanken zu “07 Frisch inspiziert in Edmonton

  1. kladow42 schreibt:

    Hi Wolfram
    Ich Freue mich immer auf deine Berichte und folgt deine Abenteuer Tour so sehr. In einer deine früheren berichte erinnere ich besonders das Wort „Zeltplatzrauber“ ….. da habe ich so gelacht. 😂
    Weiterhin gute Fahrt.
    LG Carsten

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  2. Oliver schreibt:

    Lieber Wolfram, ich folge Deinen Berichten auch mit wachsender Begeisterung, Du schreibst so, dass man sich gut hineinversetzen kann. Hast Du Dir denn in Edmonton auch das typisch amerikanische Stadtbahnsystem mit Siemens S160 Bahnen und IFE Türen angeschaut? Das Foto mit der ukrainischen Kirche habe ich an unsere Ukrainer weitergereicht. 🙈😊Liebe Grüße aus dem warmen Berlin, Oliver

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    • Susanne schreibt:

      Lieber Wolfram, uns geht’s wie den ‚Vorrednern‘: Immer sehr kurzweilig sind deine Tourberichte zu lesen und wir freuen uns auf die Fortsetzungen.
      Nun bist du schon in den Rockies, die dich sicherlich für die etwas langweiligeren Endlosstrecken durch das mittlere Kanada entschädigen. Wir haben vor 4 Jahren eine Tour mit dem Wohnmobil durch die Rockies gemacht und erinnern uns sehr gern daran:Toll!
      Am Donnerstag geht’s für uns zurück nach D.
      Schade!
      Liebe Grüße vom Bartibog
      Susanne und Michael

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