05 Bei den Cree in Waswanipi

Es ist Freitag, der 5. August. Es war wohl die mückenreichste Übernachtungsstelle bislang. Doch eine ausgefeilte Mückenspray-Logistik bei Ankunft ersparrt mir die lästigen Stiche, von denen ich noch vom Cap Breton genügend habe, die mich nerven. Die Sonne weckt mich nach einer kalten Nacht und entlässt mich in eine nahezu mückenbefreite Uferlandschaft. Die Platzsuche war mal wieder ein Kracher!

Morgenstund in Waswanipi ohne Mücken

Kaum aufgestanden besucht mich von einer benachbarten Hütte ein indigen aussehender Mann meines Alters. Es ist Dennis, der hier aufgewachsen ist und wohnt. Man unterhält sich freundlich auf französisch über das übliche. Dann kommt die Frage nach einem Café oder Tee. Letzterem sage ich gerne zu und kündige mich für 10 Minuten später an, nachdem ich meine Sachen zusammengepackt habe. Den Tee gibt’s dann mit zwei selbstgemachten Donuts von Maggie, seiner Frau im bildschönen Blockhaus aus dicken vollen Stämmen gezimmert. Es ist das Kulturhaus der Cree, die hier seit tausenden Jahren siedeln und ihr kulturelles Erbe sehr pflegen.

Blockhaus des Cree Cultural Departments
Blockhaus von innen mit Maggie im Bild
Maggie und Dennis – zwei tolle Gastgeber

Erst im weiteren Gespräch fällt Dennis auf, dass ich auch englisch spreche. Fortan verlegt er sich auf das Englische, denn mit der französische Sprache fremdelt er, kommt sie doch vom kanadischen Staat, dem sich die Cree nicht besonders zugehörig fühlen. Nach dem Frühstück werde ich herumgeführt. Ich erfahre, dass Dennis über längere Zeit in der Wildnis lebt, wo er von der Jagd lebt. Er und Maggie pflegen das Erbe des Vaters, der lange Zeit in alter Cree-Tradition gelebt hat und nun im nahe gelegenen Dorf in einem fresten Haus wohnt. Maggie und Dennis wohnen gleich neben dem Blockhaus in einem sehr einfachen Rundhaus, dass an eine mongolische Jurte erinnert. Aus einem Gerippe aus Holzleisten gebaut, ist es nur mit einer weißen Plane bespannt. Drinnen ist es schön hell und es herrscht ein angenehmes Klima. Im Winter sorgt ein riesiger Ofen selbst bei -40 Grad noch für Wärme.

Ein Kochhaus mit großer Feuerstelle gleich neben dem Wohnhaus versorgt nicht nur das Paar selbst, sondern die ganze Sippe mit traditionellem Essen. Solange Dennis in Waswanipi ist, kümmern sie sich um den Erhalt und die Verbreitung ihrer jahrtausende alten Kultur. Deswegen leben sie hier am Flussufer, wo die ursprüngliche Siedlung der Cree stand. Seit knapp 50 Jahren gibt es nur einen Kilometer entfernt eine Siedlung, die mittlerweile zu einer kleinen Stadt herangewachsen ist. Doch dazu später mehr.

Nach der Führung werde ich gefragt, ob ich den alten Friedhof auf der anderen Flussseite sehen möchte. Und ob ich das möchte! Gleich darauf finde ich mich im kleinen Motorboot wieder, in dem mich Dennis und Maggie über den Fluss chauffieren. Auf der anderen Seite führt eine frisch gebaute Treppe zum alten Friedhof hinauf, auf dem heute kaum noch Beerdigungen stattfinden, weil es neben dem Ort einen modernen und besser zugänglichen Friedhof gibt. Dennis will aber später mal hier begraben werden, was ich gut nachvollziehen kann. Die Atmosphäre dieser Ruhestätte strahlt soviel Ruhe und Natürlichkeit aus. Die Gräber sind, ähnlich wie in Sibierien, eingezäunt und man hat auf jedem ein Bäumchen gepflanzt. Überall wuchern die Blaubeersträucher über die Gräber. Ein Ort der verzaubert. Dennis erzählt viel über die hier ruhenden Personen, die er fast alle zu kennen scheint. Es sind auffallend viele junge männliche Tote, die hier ruhen. Anscheinen fordern Alkohol und gefährliche Aktivitäten, wie das Jagen, ihren Tribut!

Am Ufer angebunden liegt Dennis‘ Boot
Dennis chauffiert mich über den Fluss
Der alte Friedhof am anderen Flussufer erzählt viel über die Kultur der Cree
Dennis zeigt auf ein sehr altes Grab mit ehemals roter Schleife am Baum
Dennis erinnert sich an die Verstorbenen

Auf dem Rückweg bekennt Dennis, dass ihm dieser Ausflug sehr gut getan habe. Seit Jahren sei er nicht mehr hier gewesen, und die Erinnerung an all die Menschen, die er mal gekannt hat, sei eine gute spirituelle Quelle für ihn. Interessanter Gedanke!

Zurück am Kulturhaus treffen wir auf eine Gruppe Frauen, die gerade ein Elchfell zum Trocknen aufhängen. Natürlich werde ich gleich auch in diese Tradition eingeweiht. Ich werde sogar aufgefordert, mitzumachen. Das Fell wird zunächst mit einem Stock einmal rechtsherum und dann linksherum ausgewrungen und verliert dabei eine beachtliche Menge an aufgesogenem Wasser. Danach wir das Fell auf einer Stange ausgebreitet und mit Stöcken weichgeprügelt. Ein Prozess der viel Zeit in Anspruch nimmt.

Vorbereitung des Fells zum Auswringen
Mit einem ordentlichen Hebel wird das Fell links- und rechtsherum ausgewrungen …
… und anschließend weich geprügelt.

Nun glaube ich, die Führung sei so langsam zu Ende, aber weit gefehlt. Da der Mann einer der Frauen gerade mit seinem Truck anwesend ist, schlägt Dennis noch eine Sightseeing-Tour durch den Ort vor. Fünf Minuten später staune ich nicht schlecht über diesen modernen Ort mit seinen vielen Holzhäusern im modernen Baustil. Es gibt hier eigentlich alles an Infrastruktur, was ein modernes Leben erfordert. Dazu gehört ein Krankenhaus, eine topmoderne Feuerwache, eine Grundschule und eine Highschool, ein Jugendzentrum, ja sogar ein Frauenhaus! Denn trotz aller Investitionen in die Zukunft der Cree, gibt es noch lange nicht genug Arbeit für jeden und somit sind Alkoholismus und Drogenabhängigkeit weit verbreitet. An der Schule hängen die Flaggen gerade auf Halbmast, da erst letzte Woche zwei Jugendliche den Drogen zum Opfer gefallen sind. Es ist eben doch nicht alles Gold, was hier glänzt. Immerhin scheintder kanadische Staat sich mittlerweile – wenn auch 200 Jahre zu spät – um das Wohl der Urbevölkerung zu kümmern. Im Ort sehe ich viele Wahlplakate, mit denen sich auch weibliche Kandidaten zur Wahl des nächsten Chief der Cree-Gemeinde anbieten. Es gibt in Kanada wohl ca. 600 Cree-Gemeinden, deren Chiefs sich alljährlich an einem Ort treffen und den Grand Chief wählen. Dies ist derzeit erstmalig eine Frau, 48 Jahre alt!

Die aktuelle Grand Chief der Cree in Kanada

Besonders stolz wird mir die neue Feuerwache präsentiert. Ich werde gleich neben dem Löschwagen mit dem Wappen der Cree fotographiert.

Ein Feuerwehrfahrzeug mit Cree-Logo
Emblem der Cree am Gemeindehaus weist auf die „First Nation“ hin
Verabschiedung von Maggie und Dennis

Nach der Ortsführung geht’s zurück zum Blockhaus, wo ich überwältigt von der Gastfreundschaft und den Einsichten, die mir hier gewährt wurden, es kaum über mich bringe, mich jetzt einfach so zu verabschieden. Zur Krönung wird mir auch noch eine Basecap mit dem Emblem der Cree geschenkt!

Abschiedsgeschenk von Maggie und Dennis

Etwas beklommen, aber auch überglücklich, umarmen wir uns zum Abschied, dann wird das Blockhaus im Rückspiegel immer kleiner. Noch lange siniere ich über das gerade erlebte, während ich weiter durch die Weite des Cree-Territory fahre.

Endlos durch das Cree Territory
Reißender Fluss hinter Waswanipi ….
…. es geht aber auch ruhiger!

In Beatyville verlasse ich den asphaltierten Highway und kürze über eine Piste Richtung Amos ab. Die Qualität der Pisten steht den Asphaltstraßen kaum nach. Mit 80 km/h fährt es sich hier fast ebenso ruhig wie auf dem Highway, nur etwas staubiger. In Amos nutze ich die Rast im Restaurant, um den Blog No. 04 zu schreiben und mache mich erst eine Stunde vor Sonnenuntergang auf den Weg, um noch einen Schlafplatz zu finden.

Pisten auf Highway-Niveau
Ein hier nicht ungewöhnliches Bild: Der Flieger am Haus!

Das gestaltet sich heute unerwartet schwierig. Erst ist es die dichte Besiedlung, die die Platzsuche erschwert, dann ist es die dichte Bewaldung. Als die Sonne schon untergegangen ist und meine Hoffnung so langsam schwindet, komme ich durch eine kleine Ansiedlung. Direkt das erste Grundstück am rechten Straßenrand fällt mir ins Auge, weil zum einen ein ungewöhnlich schickes Haus darauf steht und zum anderen weil eine Gruppe Menschen daneben gemütlich um eine Lagerfeuer sitzt. Irgendwie eine sehr romantische und einladende Stimmung! Ich drehe irgendeiner Eingebung folgend also gleich um und fahre auf die Gruppe zu. Ich muss gar nichts sagen, denn ich werde sofort mit einer großen Geste der Selbstverständlichkeit eingeladen, mich hier niederzulassen und mich auf ein Bier dazu zu gesellen. Wow! Das ist heute bereits die zweite Überwältigung!

Das Haus am rechten Straßenrand sticht ins Auge

Ich lasse mich aber nicht zweimal bitten. Ich parke das Moped auf der Wiese gleich neben drei VW T3 Campingbussen von Westfalia und baue mein Zelt in Rekordtempo auf. Dann geselle ich mich zu der freundlichen Runde. Ein älterer Herr, vier Herren und eine Frau meines Alters. Es sind die Geschwister Julie, Gilles, Rejean, Marc und André, die nach langer Coronaabstinenz erstmals ihren Papa anlässlich seines 80. Geburtstags besuchen. Ich fühle mich auf Anhieb so dermaßen sauwohl in diesem Kreise. Einmal mehr denke ich, warum es in unserem Kulturkreis soviel schwieriger ist, als Fremder freundlich willkommen geheißen zu werden.

Wir verbringen einen sehr schönen Abend am Lagerfeuer, trinken Kronenbourg 1664 Bier und essen Chips und Grillwürstchen. Es entwickelt sich ein sehr angeregtes Gespräch um meine Reise und um die Geschichte der Gastfamilie. Die Mama, deren Geist noch sehr gegenwärtlich über der Familie schwebt, ist vor 6 Jahren an Krebs gestorben. Der Papa lebt seitdem alleine auf diesem schicken Anwesen, trägt sich aber altersbedingt mit dem Gedanken das Haus zu verkaufen und in die Nähe der Kinder ins Seniorenheim zu ziehen.

Gegen Mitternacht verabschieden wir uns in die Nacht, die richtig kalt wird, sodass ich erstmals auf dieser Reise den Schlafsack schließe. Der nächste Morgen beginnt so nett, wie der Abend endete. Ich werde mit Kaffee und Croissants zum Frühstück verwöhnte, bevor ich dann erstmals seit einer Woche wieder eine Dusche angeboten bekomme – Herrlich! Vor der Abreise erhalte ich noch gute Tipps für die Weiterreise von den Brüdern, die sich allesamt gut im Lande auszukennen scheinen. Danach folgt ein weiterer schwieriger Abschied von Menschen, die ich in kürzester Zeit fest ins in Herz geschlossen habe! So kurz die Reise bislang war, so habe ich auf der menschlichen Seite schon viel Intensives und Ungewöhnliches erlebt. Genau das macht diese Art des Reisens aus!

Vater mit Tochter und vier Söhnen
Abschied, der sehr schwer fällt!

3 Gedanken zu “05 Bei den Cree in Waswanipi

  1. Heidi Dutkiewicz schreibt:

    Ach, wie schön, das zu lesen. Genau das ist es, was diese Form des Reisens ausmacht. Offen zu sein für andere Menschen, sie kennenzulernen und beim Abschied schon zu vermissen. Du machst das richtig, Wolfram! Grüße aus dem schönen Alaska, leider diesmal eben nicht in Minigruppe allein unterwegs. Also muss man da noch einmal “ anders“ hin! Beste Grüße, Heidi

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  2. Christian schreibt:

    Was für eine phantastische Reise- vielen lieben Dank, dass wir Alle Dich begleiten dürfen!
    Es ist sehr bewegend Deine Zeilen zu lesen- wie ein Roman.
    Gute Fahrt !

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  3. Beate schreibt:

    Lieber Wolfram,
    was für Begegnungen!!!
    Du schreibst das so, als wäre man dabei, beim Lesen spürt man die Emotionen- soooo schön!
    Ich wünsche dir weitere herzerwärmende Begegnungen und wunderschöne Momente!
    Alles Liebe, Beate

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