04 Vom Cap Breton in die Wildnis

Der heutige Montag, der 1. August, ist im wesentlichen ein reiner Transfertag. Auf größtenteils bekannten und großen Straßen fahre ich zurück nach New Glasgow und weiter nach Truro. Von dort soll es noch eine Stunde bis Schubenacadie sein, wo es angeblich die größten Tidenhübe der Welt zu beobachten gibt. Ich finde den Ort, der sich auch tatsächlich eingangs mit dem Schild „Welcome to the highest tides“ schmückt. Danach lässt er mich allerdings komplett im Stich. Keinerlei Ausschilderung zu den Tiden, nichts! Auch die wenigen Passanten, die ich in diesem gottverlassenen Ort auf der Straße treffe, können nicht weiter helfen. So fahre ich dem Gefühl nach und lasse mir etwas später von einem Herrn vor seinem Haus den Weg weisen. Es sind noch 20 Kilometer – komisch! Dann komme ich zu einer Brücke, die wohl zu bestimmten Zeiten das Einschießen der Flutwelle beobachten lässt, nur ist jetzt eben nicht diese Zeit. Trotzdem ist die Strömung des abfließenden Wassers sehr beeindruckend. Noch nie habe ich einen großen Fluss so schnell fließen gesehen. Aber von Tidenhub ist hier nichts zu sehen.

Große Strömung aber kein Tidenhub zu beobachten

Mir schwant schon, was mir mein Nachbar Stefan kurz darauf schreibt, nachdem er im letzten Blog meine Pläne für Schubenacadie gelesen hat: Den Tidenhub gibt es nicht hier, sondern in der Bay of Fundy zu beobachten. Also mache ich mich vor der Dämmerung noch flugs auf den Weg. Ich finde westlich von Truro auch die „Küstenstraße“ entlang des Nordufers der Bay of Fundy, doch zu sehen gibt’s auch hier nicht viel. Entweder verläuft die Straße nicht direkt am Ufer, oder das Ufer liegt so hoch über dem Wasser, dass die Gezeiten ihr Spiel im Verborgenen treiben. Auch der schöne Schlafplatzt, den ich wenig später am Hochufer finde, gibt kaum ein Gefühl für die 13-16m Tidenhub, die hier herrschen sollen. Außerdem erblicke ich nicht die erhofften Jakobsmuscheln, die ich in der Bretagne so zahlreich im Watt gefunden habe.

Blick auf das Ufer der Bay of Fundy vom Schlafplatz
Schönes Watt, aber 16 Meter? Auch keine Spur von Jakobsmuscheln!

So fahre ich etwas enttäuscht am Dienstagmorgen in nördliche Richtung los. Auf kleinen Starßen und auch Pisten erreiche ich später Moncton und anschließend Amherst. Von dort nehme ich die Straße 126, die genau nordwärts entlang der Bahngleise nach Miramichi führt. Dies wollte ich eigentlich schon auf dem Hinweg nehmen. Ich entkomme den beständigen Regenwolken und erreiche Miramichi in praller Sonne, wie schon letzten Freitag, als mich Susanne und Michael dort aufgelesen haben. Nach einer ausgiebigen Mittagspause fahre ich über staubige Pisten und einem einsamen Highway, vor dem mich meine Gastgeber aus Celle gewarnt hatten, westlich zur US-amerikanischen Grenze. Bei Plaster Rock erwischt mich dann doch noch der Regen. Zunächst nicht so schlimm, doch hinter Edmunston wird der Himmel so schwarz und der Wind dreht orkanartig auf, sodass ich mich jetzt doch frage, ob es wohl eine gute Idee war, da hinein gefahren zu sein. Es sind zwar nur 5 Minuten, doch die dauern gefühlt eine Ewigkeit, in der es erbarmungslos auf mich schüttet und der Wind heftig am Lenker zerrt. Dann ist der Spuk vorbei und nur zehn Minuten später klart der Himmel auf. Die Sonne schafft es gar, die gröbste Nässe aus den Klamotten zu dampfen, ehe ich rechter Hand einen verheißungsvollen Schotterpfad in Richtung eines Sees abzweigen sehe und ihm instinktiv folge. Kurze Zeit später kreuzt ein Weg, den ich nur geradeaus direkt in ein Grundstück überquere, das paradiesisch am Seeufer liegt. Es steht nur ein Schuppen darauf, doch das Nachbargrundstück ist mit einer Villa und vielen Autos davor bestückt. Es scheint niemanmden zu stören, dass ich hier mein Zelt aufbaue, auf dem bislang mit Abstand schönsten Zeltplatz dieser Reise!

Zeltplatz der Extraklasse bei Cabano

Ich verbringe eine sehr ruhige und erholsame Nacht und finde mich am Mittwochmorgen bei schönstem Sonnenschein im Badesee wieder, wo ich mir ein ausgiebiges Bad mit Wäsche und Rasur gönne. So schön kann’s sein!

Morgentliche Badestelle
Blick vom Schlafplatz über den See

Noch ganz beduselt vom Glück, sitze ich um 9 Uhr wieder im Sattel, denn in einer Stunde will ich an der Fähre über den St. Lorenz Strom in Rivière du Loup sein. Dahin sind’s noch 70 Kilometer. Diesmal erwische ich die Fähre direkt. Der St. Lorenz präsentiert sich bei schönstem Sonnenschein wieder in seinen gewaltigen Dimensionen.

Der St. Lorenz Strom vom Südufer betrachtet

Auf der Nordseite angekommen fahre ich wieder stromabwärts Richtung Tadoussac und nehme dort auch wieder die Fähre über den Saguenay River, der an der Oberfläche süß und in der Tiefe salzig ist. An der Fähre treffe ich Mario und Luce aus Montreal, die mit ihren BMW gerade auf dem Weg nach Neufundland sind. Sie fallen inmitten der wuchtigen Harleys und Indians auf mit ihren Motorrädern im europäischen Stil. Wir unterhalten uns eine Weile während der Fährfahrt und wünschen uns gegenseitig eine gute Reise.

Mario und Luce auf dem Weg nach Neufundland
Der Saguenay River bei Tadoussac

Hinter Tadoussac folge ich der Empfehlung zweier Kanadier in Neils Harbour und nehme den Highway 172 entlang des Ostufers des Saguenay Rivers. Die Strecke ist in der Tat landschaftlich sehr schön, wenngleich sich der Fluss dem Auge hartnäckig verweigert. Erst bei Ankunft in der gleichnamigen Stadt führt mich eine Brücke über den Saguenay rüber. Danach wird es landschaftlich eher öde. Flach und von goßer Landwirtschaft gepägt führen große Highways weiter gen Westen. Erst bei St. Bruno wird es wieder schön – zumindest landschaftlich. Das Wetter kündet hingegen von bevorstehenden Gewittern!

Ich erreich den Lac St. Jean, ein mittlerer See für kanadische Verhältnisse, obwohl er mindestens Bodenseeausmaße hat. Ich folge dem Uferverlauf und hardere mit den vielen Campingplätzen, die sich einer an den anderen reihen. Sie sind riesig groß und eindeutig für die riesigen Campingwagen ausgelegt, die der Kanadier bevorzugt. Mit meinem Zelt gehe ich da unter. Aber kurz darauf verlässt mich wieder mal mein Instinkt nicht. Eine Straße zweigt rechts zu den Villen in Uferlage ab. Ich folge der Straße und bewundere eine schicke Strandvilla an der anderen, bis am Ende des Weges ein weniger schickes Haus steht. Direkt dahinter führt ein Weg runter an den Strand. Daran, noch quasi auf dem Grundstück des weniger schönen Hauses gelegen, liegt der perfekte Platz für mein Zelt. Aber darf ich hier campieren? Ich schwänzle eine Weile um das Haus herum, in der Hoffnung jemand möge herauskommen, den ich um Erlaubnis fragen kann. Aber solange ich da herumstehe, niemand erbarmt sich. Also gehe ich zum Haus und klopfe. Enmal, zweimal, dreimal! Ich sehe drinnen einen älteren Herrn telefonieren. Ob er mich nicht hört, oder nicht hören will? Ich soll’s nicht erfahren! So begebe ich mich einfach an den Zeltaufbau und werde es nicht bereuen. Es interessiert mal wieder keinen. Im Zelt schreibe ich noch Tagebuch und lege mich alsbald schlafen. In der Nacht gewittert es heftig, doch das Zelt bietet Schutz und Geborgenheit. Der Regen dauert bis 9 Uhr am Morgen. Um kurz vor zehn schäle ich mich aus dem Zelt, nehme ein Bad und packe zusammen. Nach wie vor nimmt keiner Notiz von mir. Soviel Gelassenheit wünschte ich mir mal in Deutschland!

Etwas privat, aber ein schöner Schlafplatz am Ufer des Lac St. Jean
Strand am Lac St. Jean

Um 11 Uhr bin ich am Donnerstag wieder „On the Road“. Nun geht es ab in die Wildnis. Für die kommenden knapp 600km sind kaum Orte, dafür viel Wald und Seen angesagt. Anders als in Russland ist es aber interessant und abwechslungsreich hier durch die Pampa zu fahren. Hübsche Seen, Hügellandschaften und die begleitenden Bahngleise bieten dem Auge und dem Gefühl so allerlei.

Die Bahn als ständiger Begleiter

In Ladore, dem letzten Ort vor der Wildnis, warte ich ein Gewitter in einer Imbissbude ab. Das Essen lohnt zwar nicht, doch dafür bleibt’s schön trocken und ein Netz verbindet mit zuhause.

Die Imbissbude in Ladore nach dem Gewitter

Danach fahre ich bis kurz vor Einbruch der Dämmerung bis nach Waswanipi, einem Ort der Ureinwohner dieser Region, ein indigenes Volk, das sich Cree nennt. Unterwegs raste ich an einem See, den die Einheimischen zum Fischen aufsuchen. Auf der Strecke sehe ich nur Pick-ups und große Holztrucks, vor denen hier allenthalben auf Straßenschildern gewarnt wird.

Warnung vor den Wood Trucks
Hügel, Wald und Seen über 600 Kilometer
Rast am Fischermen Lake
Phänomen in Quebéc – Durch Baustellen führt einen ein Followme-Fahrzeug!
Immer wieder taucht die Bahn auf – meistens auf Brücken über die Flüsse
Schlafplatz in Waswanipi

Waswanipi wird mir am nächsten Morgen noch eine tolle Überraschung bieten, doch dazu schreibe ich im nächsten Blog schon ganz bald!

2 Gedanken zu “04 Vom Cap Breton in die Wildnis

  1. Beate schreibt:

    Lieber Wolfram,
    wie schön, dich wieder begleiten zu dürfen, was für tolle Bilder und Eindrücke und wie fantastisch deine Beschreibung!!!
    Es sieht traumhaft aus an den vielen einsamen Seen.
    Genieße es und habe weiter eine wunderbare Reise😘Beate

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