03 Cap Breton – Really goes East!

Brücke in Miramichi

Gerade als ich in Miramichi im Restaurant den Beitrag 02 fertig geschrieben habe, kommt ein Paar in den Sechzigern herein und fragt mich auf deutsch, ob das da draußen mein Motorrad sei. Ich bejahe, und wir kommen schnell ins Gespräch. Das Übliche: woher, wie gekommen, wohin, etc. Als die beiden sich zum Gehen anschicken, verabschieden wir uns, doch kaum eine Minute später kommen sie zurück und sagen, sie haben sich überlegt, mich zu ihnen nach Hause auf eine Übernachtung einladen zu wollen. Sie seien Susanne und Michael aus Celle und besitzen 12km entfernt ein Ferienhaus, in dem sie den Sommer verbringen. Das passt zwar nicht in meinen Plan, denn ich wollte bei dem schönen Sonnenschein, der sich gerade einstellt, noch ein wenig in Richtung Nova Scotia weiterfahren. Aber eine so nette Einladung will ich auch nicht ausschlagen, also sage ich zu. Die angegebene Adresse führt mich an einen Arm des Miramichi River, der auf den schönen Namen Barti Bogue hört. Hier stehen schöne Häuser auf herrschaftlich großen Anwesen. So auch die verheißene Nummer 69, wo mich Susanne und Michael sehr freundlich empfangen.

Das Ferienhaus von Susanne und Michael
Schönste Wasserlage am Barti Bogue

Wir verbringen einen schönen Abend mit interessanten Gesprächen, aus denen ich wertvolle Infos für die weitere Reise ziehen kann. Ich erfahre u.a. auch, dass New Brunswick die einzige bilinguale Provinz Kanadas ist. Dass es aber so gut wie keine Durchmischung der beiden Sprachen gibt. Englischstämmige Kinder fahren in eigenen Schulbussen in die englischen Schulen und französischstämmige getrennt in die französischen. Man spricht entweder englisch oder französisch, aber niemals beides. Man könne fast schon von Apartheid sprechen. Erstaunlich, erstaunlich! Sehr komfortabel verbringe ich die Nacht im Gästezimmer, das ich wohl als erster benutze, also quasi einweihe! Am Morgen gibt’s noch ein leckeres Frühstück, dann kommt endgültig der Abschied, und ich bin um eine neue Bekanntschaft reicher – das war sehr schön!

Meine Gastgeber Susanne und Michael aus Celle

Am heutigen Samstag steht ein gutes Stück Weges auf dem Programm, denn ich möchte gerne das Cap Breton erreichen. Michael empfiehlt den Pub in Port Hood, in dem es tolle Live Musik gebe. Überhaupt sei die Pub-Kultur in dieser Gegend durchaus mit Irland zu vergleichen, wo fast ein jeder Musik mache. Über kleine Landstraßen steuere ich zunächst auf Moncton zu, biege aber schon vorher nach Amherst ab. Dort herrscht Wochenmarkt. Alles scheint auf den Beinen zu sein, wenngleich der Markt wenig attraktiv aussieht. Ich sehe fast nur Krempel im Angebot. Am örtlichen Supermarkt gibt es frischen Haddock (Stockfisch) und ich esse das beste Fish & Chips an das ich mich erinnern kann – köstlich! Hier beginnt übrigens Nova Scotia. Weiter geht’s der Küste entlang. Zur linken sehe ich beständig die Insel „Prince Edward Island“, die hier kurz P.E.I. genannt wird. Links und rechts der Straße liegen, wie an einer Schnur aufgereiht, viele kleine Häuser. Deren oft erbärmlicher Zustand – obwohl offensichtlich bewohnt – lässt darauf schließen, dass es hier auch eine Menge Armut gibt.

In New Glasgow warte ich einen kurzen Regenschauer ab und fahre fortan stets mit einem skeptischen Blick zum Himmel bis zum nächsten Regenguss, der mich Aulds Cove ereilt, genau dort, wo ein Damm mich nach Cape Breton führt. Eine Stunde Pause erspart mir auch weiterhin die Regenklamotten und Wetter-Online verspricht für meine nördlich Fahrtrichtung sogar Sonne für den Rest des Abends und die nächsten Tage; großartig! Neben der Nova Scotia Tourist Info direkt bei der Einfahrt nach Cap Breton, sehe ich erstmals auf dieser Reise eine Reise-Enduro, auch eine KTM. Aber diese EXC 500 ist extrem geländetauglich und sehr für das Abenteuer bepackt. Das Kennzeichen stammt aus Quebéc, aber der/die Fahrer(in) ist nirgends auszumachen. Schade eigentlich!

So fahre ich der Sonne entgegen und berausche mich an der schönen Küste der Halbinsel, auf der vor über 200 Jahren als erstes französische Aussiedler aus der Bretagne gelandet sind. Das sich bietende Küstenpanorama ist oftmals atemberaubend. Die Farben auf den nun durch die orangene Abendsonne beschienenen noch nass glänzenden Flächen sind sehr intensiv.

Küstenpanorama an der südlichen Westküste des Cap Breton

Beseelt von dieser Stimmung komme ich nach Port Hood, wo sich zum Campingplatz keine Alternative aufdrängt. Allerdings behauptet ein Schild an der bereits geschlossenen Rezeption, dass es keine freien Plätze mehr gäbe. Das will ich erstmal sehen und platziere mich auf einer Ausweichfläche auf der anderen Straßenseite, wo es noch genug Platz für mein kleines Zelt und Moped gibt. Da ich am nächsten Morgen schon vor Öffnung der Rezeption wieder im Sattel sitze, werde ich wohl nie erfahren, ob das in Ordnung war und was es gekostet hätte!

Der Ort präsentiert sich ganz adrett im Gold der Abendsonne, doch von Pub-Kultur ist hier leider nichts zu spüren. Der Admirals Pub scheint der einzige seiner Art zu sein, doch zieht er vor, am heutigen Abend geschlossen zu bleiben. So begebe ich mich zurück zum Zelt und es wird eine lange Nacht.

Port Hood von der Abendsonne beschienen

Um halb Acht sind Ross und Reiter wieder unterwegs, und wir bekommen die erste Piste auf dieser Reise unter die Stollen. Durch eine voralpenähnliche Hügellandschaft schraube ich mich die Westküste des Cap Breton hinauf – ein Labsaal für die Augen! Die Orte tragen hier allesamt bekannte Namen aus Europa.

Die erste Piste auf der Reise
Der Hafen von Inverness
St. Joseph de Moine

Schon weit im Norden des Caps liegt der Cap Breton Highlands National Park, der dicht bewaldet ist und mich auf die Ostseite führt. Das Wetter wird hier kurzfristig ganz komisch. Tief hängende Wolken lassen die Temperatur deutlich sinken, während ich schnell 500m an Höhe gewinne. Zum Glück bleibt es aber trocken. Wäre auch zu schade um die spektakuläre Serpentinenabfahrt gewesen, die mich am Ostufer nach Neils Harbour bringt.

Beginn des Cap Breton Highlands National Park

Hier entdecken meine Augen ein traumschönes Übernachtungsplätzchen auf einer Sandbank, die das Meer von einem dahinter gelegenen See trennt. Doch leider entpuppt sich dieser Sehnsuchtsort als unzugänglich mit dem Moped. So genieße ich die zurückgewonnene Sonne am Hafen, wo ich das Treiben der Hummerfischer beobachte. Auch hier werden Wal-Beobachtungstouren im Zodiac angeboten.

Der Hafen von Neils Harbour
Traumplatz für eine Übernachtung – leider unerreichbar mit dem Moped

Ich mache mir klar, dass dieser Punkt der östlichste meiner Reise sein wird. Nie werde ich in den kommenden 8 Monaten wieder „so nah“ an Zuhause sein. New Brunswick und Nova Scotia liegen deswegen auch in einer anderen Zeitzone als Quebéc. Es sind, dem 60. westlichen Längengrad entsprechend, nur 4 Stunden hinter Greenwich, bzw. 5 Stunden hinter deutscher Zeit. Ich verlasse das ansprechende Neils Harbour gen Süden und erkenne alsbald bei einer erneuten Serpentinenabfahrt bei Ingonish ein Panorama, das mich erst kürzlich per Zufall in einer Reportage im Ersten so begeistert hatte, dass ich daraufhin das Cap Breton überhaupt erst in die Reiseplanung aufgenommen habe. Zugegeben, im Fernsehen hat man Aufnahmen aus dem Herbst gezeigt, wo sich alles im Indian Summer präsentierte. So tolle Farben gibt’s jetzt nicht. Dennoch ist der Blick über die bewaldete Küste sehr beeindruckend und bestätigt die Wahl der Reiseroute!

So habe ich das Cap Breton schon in einer Reportage im Ersten gesehen

Kurz darauf sehe ich links der Straße eine felsige Piste zum nahe gelegenen Strand führen, die meinem schlafplatzsucheerfahrenem Auge sehr vielversprechend aussieht. Und siehe da, ich finde ein geeignetes Plätzchen grün direkt am Kieselstrand gelegen. Ich präge mir die Stelle ein und will vor dem Zeltaufbau noch kurz weiterfahren, um etwas Nahrung und WiFi zu finden. Der Provider meiner SIM-Karte hat nämlich das Cap Breton offensichtlich aus seiner Abdeckungskarte gestrichen. Trotz vieler sichtbarer Antennen habe ich seit gestern Nachmittag keinen Empfang mehr. Ich finde also beides nur 2 km weiter. Gesättigt und kommunikativ befriedigt kehre ich gut eine Stunde später zum „reservierten“ Schlafplatz zurück. Doch was für eine Pleite! Dieser ist mittlerweile von einem anderen Zelt belegt – so ein Mist! Lessons learnt: Einen guten Schlafplatz musst Du sofort okkupieren. Offensichtlich war dieser in iOverlander vermerkt und hat somit viele Interessenten angelockt. Neben besagtem Zelt haben sich noch weitere zwei Fahrzeuge eingefunden, deren Insassen ihr Nachtlager rundherum aufbauen. Zum Glück sind deren Fahrzeuge nicht so geländegängig wie die KTM. Ich begebe mich nämlich noch tiefer ins Dickicht und werde nicht weit entfernt mit einem noch viel schöneren Schlafplatz belohnt.

1a Schlafplatz am Strand
Badestrand für mich allein

Nach dem Zeltaufbau nehme ich ein Bad im Atlantik – erstaunlich angenehme Temperatur! Weit und breit ist kein Mensch außer mir am Strand, obwohl sich bekanntermaßen nur einige hundert Meter entfernt die Schlafplatzräuber niedergelassen haben! So genieße ich ungestört die Abendstimmung am Atlantikstrand und entdecke zu meiner Überraschung und Freude, dass ich nunmehr doch 3G-Empfang mit dem Mobilphone habe. Steve hat versucht, mich zu erreichen. Ich erwidere den Anruf und wir besprechen die Planung für die gemeinsame Reise mit Ariane und Brenda von Salt Lake City nach Las Vegas vom 22.9. bis zum 2.10.

Anschließend wiegen mich die Brandungsgeräusche in den Schlaf. Glücklich über das Zelt lausche ich dem Gezirpe von Myriaden von Insekten, die durch etwas Zeltstoff nichts Bedrohliches mehr haben. Ich werde durch die Sonne geweckt, die das Zeltinnere schnell in einen Broilerofen verwandelt. Ein Morgenbad sorgt für Frische, und dann kann’s auch wieder losgehen. Gut eine Stunde später nähere ich mich dem südöstlichen Ende des Cap Breton. Dort soll eine Fähre eine deutliche Abkürzung bringen, doch bei Ankunft sehe ich ein großes Schild „Ferry NOT Operating“. Schade aber auch!

Südöstliche Ende des Cap Breton

So nehme ich 30 Kilometer Umweg in Kauf – bei den Dimensionen dieses Landes eigentlich nichts! Ich verlasse das Cap Breton und werde mir schnell einig: Das hat sich wirklich gelohnt! Ab jetzt geht’s für die kommenden Wochen nur noch gen West-Nordwest.

Als nächstes steuere ich Schubenacadie in der Nähe von Truro an. Dort gibt es die größten Gezeiten der Welt mit einem Tiedenhub von 15m Höhe im Extremfall. Dort will ich die nächste Nacht verbringen.

3 Gedanken zu “03 Cap Breton – Really goes East!

  1. M.Kohl schreibt:

    Hallo Wolfram, zuerst unseren Dank für Deine netten Worte. Auch uns hat die Begenung mit Dir sehr viel Freude gemacht. Kleine Korrektur: Der kleine Fluss vor unserer Haustür heisst Bartibog, nicht Buddy Bogue. ;)) Unsere besten Wünsche für den weiteren Verlauf Deiner Tour begleiten Dich! Michael& Susanne

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  2. micha1200gs schreibt:

    Wow, was für tolle Eindrücke!
    Wolfram, ich wünsche Die weiterhin eine super Tour. Danke für die tollen Reiseberichte, ich beneide Dich…

    Liebe Grūße, Micha

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  3. Chris schreibt:

    Wolfram, Hi again from Air Canada cargo Chris. your pictures tell a good story, as well as your words – thanks. Would you consider a map (maybe a google timeline screenshot?) as part of your story? PS your crate has been reused as a bed for the many damaged pallets that won’t roll properly on my x-ray rollers – thank-you.

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