33 Im Galopp durch Turkmenistan – incl. Darweza Feuerkrater

Mit frischer SIM-Karte sitze ich im Iran in Tabas inmitten der Wüste Dasht-e Kavir in meinem kühlen Hotelzimmer und kann nun diesen Blogbeitrag über die vergangenen Tage seit Bukhara schreiben.

Als ich am Freitag gegen 16:00 Uhr Bukhara in Richtung turkmenische Grenze verlasse, bin ich richtig aufgeregt ob der vielen ungewissen Dinge, die da kommen würden. Die Eckdaten setzen dem ganzen Unternehmen zudem enge Grenzen. Das Turkmenistan-Visum ist ab Samstag, den 22. September gültig. Schon am Tag darauf möchte ich noch in den Iran einreisen, damit ich die drei Tage vom 24. bis 26.9. komplett zur Verfügung habe, um die 1.500km bis Shiraz zu fahren, wo Ariane in der Nacht zum 27.9. um 1 Uhr landen wird.

So will ich gleich um 00:00 Uhr nach Turkmenistan einreisen, um eventuell doch noch in den zwei Tagen, die mir in diesem Land zur Verfügung stehen, den Abstecher von Ashgabat zum Darweza Feuerkrater einzubauen. Der Verstand sagt mir klar, dass das nicht geht. Zum einen sind das zusätzlich zu den 800 Kilometern von usbekischer zu iranischer Grenze weitere knapp 600 Kilometer, zum anderen ist mir dieser Abstecher verboten, denn ich darf das Transitvisum nur für die direkte Verbindung zwischen den Grenzen verwenden. Oftmals wird das auch mit einem GPS-Tracker kontrolliert, den man bei der Einreise ans Fahrzeug verplombt bekommt. Das Herz hält dennoch an der Idee fest, den Feuerkrater zu besuchen, denn das ist die bedeutendste Sehenswürdigkeit in Turkmenistan. Allzu viele hat dieses Land ohnehin nicht zu bieten.

Deswegen also fahre ich vor der Dunkelheit noch bis Alat, dem letzten Ort in Usbekistan vor der Grenze. Dort versorge ich mich von den letzten Soms mit Wasser und Keksen und esse noch üppig in einem Restaurant zu Abend. Um kurz nach 20 Uhr wirft man mich aber raus, da hier das Leben erstirbt. So bleibt mir nichts anderes übrig, als zur Grenze zu fahren. Diese 25 Kilometer sind im Stockfinstern wahrlich kein Vergnügen. Die Straße ist in hundsmiserablen Zustand, und die vielen türkischen Lastwagen wirbeln soviel Staub auf, dass die Fahrt zum Blindflug wird. Immer wieder erwische ich vollkommen unvorbereitet ein tiefes Schlagloch. Wie gut, dass ich auf eine stabile Vorderradfelge umgespeicht habe! Nach einer halben Stunde Zittern und Schwitzen ist es dann aber schadlos überstanden. Die Lastwagen fahren alle auf einen großen Sammelplatz; ansonsten ist an der Grenze nichts los. Die Abfertigung bei den Usbeken geht schnell und unbürokratisch. Ein Stempel im Pass und ein flüchtiger Blick ins Gepäck – das war’s!

So stehe ich um 20:45 gut drei Stunden zu früh beim Turkmenen auf der Matte, was dem Vorposten auch gleich auffällt. Nett, wie er ist, ruft er beim Hauptposten an und fragt, ob ich schon vor Mitternacht abgefertigt würde. Erwartungsgemäß wird dies strikt abgelehnt – wo kämen wir denn da hin? Auf diese Weise bekomme ich noch drei Stunden Schlaf. Ich baue mit der Pläne und der Ortlieb-Tasche ein einfaches Nachtlager direkt neben dem Vorposten und finde zwar keinen wirklichen Schlaf, doch zumindest etwas Ruhe. Um Punkt Mitternacht darf ich dann zum Hauptposten durchfahren – Hurra!

Auch hier ist kaum was los, doch die Bürokratie ist schier grenzenlos. Unglaublich, was sich dieser Staat, der nach Nord Korea als das zweit isolierteste Land der Erde gilt, alles einfallen lässt, um einen für zwei Tage auf direkter Strecke von Farap nach Ashgabat fahren zu lassen. Am Ende habe ich sieben Stationen durchlaufen und dabei für folgendes bezahlt: Desinfektion des Fahrzeugs (fand aber gar nicht statt), Fahrzeugversicherung, Kompensation für den subventionierten Sprit, Bearbeitung des Passes, Einfuhr des Fahrzeugs und Straßenbenutzung – summiert sich beim Moped auf 81.- US$! Der LKW-Fahrer vor mir blättert dafür gleich 1187.- US$ hin – ein lohnendes Geschäft bei der Zahl der LKW hier! Die Fahrzeugkontrolle ist dann erstaunlich lasch. Das beste aber ist: Ich habe keinen GPS-Tracker verpasst bekommen! Um 01:30 darf ich endlich einreisen und bin quasi frei und unkontrolliert in Turkmenistan unterwegs! Was nun? Ich bin hellwach und der Feuerkrater ruft unter diesen Umständen umso mehr! Also gebe ich mir noch zwei Stunden. Die Straßen sind relativ gut und absolut leer. Die Fahrt ist also ungefährlich! Nach gut 120 Kilometern baue ich rechts der Straße in einem Dünenfeld ein provisorisches Nachtlager aus Plane Isomatte, Schlafsack und Motorrad auf. Dann falle ich in einen dreistündigen, tiefen Schlaf.

Um halb acht geht’s dann weiter – soll es jedenfalls! Aber die Dünen haben anderes mit mir vor. Ich hatte den Sand nicht so weich und tief eingeschätzt, wie er aber ist. Mit vollem Reifendruck Grabe ich mich erstmal achstief ein. Es folgen 20 Minuten Graben, Umwerfen, Aufrichten und Schieben in x-facher Wiederholung bis ich die Kiste endlich wieder auf der Straße habe – Puh!

Hier kann man sich prima festfahren

Was danach kommt ist nur noch Kilometerfressen in trostloser Wüstensteppe. Unterbrochen von ein paar Retortenstädten – wie Mary – und einmal mehr einer Begegnung mit der Polizei, die hier ebenso korrupt nur dabei viel unfreundlicher ist als ihre Kollegen in Kasachstan und Kirgisistan. 72 anstelle von erlaubten 60 km/h sei ich gefahren. Ersteres stimmt, doch bin ich mir ziemlich sicher, dass es kein Tempo 60 Schild zuvor gegeben hat. Man will 150.-US$ haben. Das prustende Lachen hätte ich mir besser verkniffen, denn darauf reagiert der wortführende, ältere Kollege sehr ungehalten und wird richtig laut! Ich solle das Geld im nächsten Ort bei der Bank einzahlen und dann mit dem Einzahlschein zurückkommen, dann bekäme ich meinem Pass zurück. Er hat wohl nicht damit gerechnet, dass mich seine Worte blitzschnell reagieren lassen, und ehe er sich versieht, reiße ich ihm meinen Pass aus den Händen und erkläre ihm, dass ich meinen Pass niemals und unter keinen Umständen aus den Händen gebe. Darauf lenkt er ein und bietet mir an, 40 Dollar an Ort und Stelle in seine Taschen wandern zu lassen. Er fordert mich auf, mein Portemonnaie zu zeigen, wo ich zum Glück nur einen 20-Dollar-Schein nebst turkmenischen Manat habe. Die Dollarvorräte sind im Tankrucksack. Nun bin ich von seiner blitzschnellen Reaktion überrascht. Er greift, ehe ich’s begreife, frech ins Geldfach und nimmt den 20-er Schein an sich und fordert einen zweiten, den nicht zu besitzen ich ihm mit tiefem Blick in die Augen versichere! Verärgert lässt er mich darauf ziehen – so bleibt mir am Ende neben dem Ärger über die erneute Abzocke auch ein kleiner Triumph!

Dorf in der Karakum-Wüste vor Ashgabat

Um 16 Uhr habe ich die Peripherie von Ashgabat erreicht. Jetzt muss ich mich entscheiden: Illegal zum Feuerkrater, oder einen Abend und eine Nacht in der sterilen Hauptstadt verbringen?

Ich entscheide mich für ersteres! Über den Nordring umfahre ich die Hauptstadt und tauch dann wieder in die Karakum-Wüste ein, die hier schöner wird, da nun große Sandgebiete auftauchen, die Heimat für die schönsten Dromedare sind, die ich im Leben gesehen habe – und ich habe wirklich viele gesehen!

Schönheiten

Weitere Schönheiten

Die Wüste ist hier richtig abwechslungsreich, und es ist pure Freude, hier durchzufahren! Seen gibt es und auch eine Bahnlinie begleitet die Straße.

Leider schaffe ich es vor Sonnenuntergang nicht mehr ganz zum Krater und schlage mein Nachtlager – wieder mit Plane, ISO-Matte, Schlafsack und Moped – am Rande der Dünen abseits der Straße auf. Es hätten nur noch 30 Kilometer bis zum Krater gefehlt. Doch der Platz hier ist sehr schön – viel schöner zum Campen als am Krater, wie ich morgen feststellen soll!

Quick & Dirty: Nachtlager unter Plane

Auf der Düne war ich am Abend – still und Mondlicht

Seit langer Zeit sitze ich mal wieder Abends auf einer Düne und genieße die absolute Stille und Dunkelheit – sehe etliche Milchstraßen und fühle mich sauwohl in dieser Welt! Dann gehe ich früh schlafen und stehe früh wieder auf, um den Krater direkt nach Sonnenaufgang zu erleben.

Es sind noch 25km auf der mittlerweile recht schlechten Straße und dann noch 8km auf sandiger Piste. Ich lasse reichlich Luft aus den Reifen und erfreue mich des Sandfahrens wie in alten Zeiten in der Sahara. Ich wähle vor lauter Freude unnötig sandige Passagen und genieße das Sandsurfen wie ein kleines Kind! Dann taucht endlich der so ersehnte Krater wie aus dem Nichts auf.

Ein Loch in der weiten Ebene

So viel habe ich auf mich genommen, um dieses Schauspiel zu erleben, und ich muss sagen: Es war jede Mühe wert! Zwar habe ich es nicht mehr zur Nacht hierher geschafft, doch die Sonne steht noch so tief, dass der Krater noch im Schatten liegt und die Flammen deutlich zu sehen sind. Die Umgebung des Kraters ist gar nicht mal so schön zum Übernachten, und es sind auch zu viele Pauschaltouristen, die das hier tun. Aber der Anblick der Flammen mit dem Geräusch und der Hitze, die diese erzeugen, ist ein spektakuläres Erlebnis! Ich bin so froh, dass ich es gewagt habe!

Nett ist die Geschichte zur Entstehung dieses Feuerspektakels. Im Jahr 1971 stürzte der Krater bei Probebohrungen nach Methan ein und entließ fortan einen Methangeruch, der fernab in einem Dorf zu Geruchsbelästigung führte. Man entsandte deshalb russische Geologen, die zum Schluss kamen, man müsse das Gas einfach abfackeln. Das sei in ein paar Tagen geschehen. Ein großer Irrtum, denn 47 Jahre später brennt das Ding noch immer!

Jetzt muss ich nur noch genauso unbehelligt durch die drei Straßen-Checkpoints zurück nach Ashgabat kommen wie auf dem Herweg, dann ist alles gut! Und es bleibt gut! Ashgabat ist nach 13 Uhr erreicht und ist mindestens so schrecklich steril und einfach Crazy wie es mir von allen Reisenden beschrieben wurde.

Flughafenterminal – leer!

Prachtplatz mit Prachtbrunnen – leer!

Regierungsgebäude – davor Leere!

Es ist eine einzige Spielwiese eines größenwahnsinnigen Diktators. Die Frage, die sich einem aber aufdrängt: FÜR WEN? Riesige Gebäude, monumentale Denkmäler, gigantische Veranstaltungsgebäude, Stadien und Parks, alles in reinem weiß, aber absolut keine Menschen zu sehen, die sich dort aufhielten, geschweige denn diese nutzten! Nur die lieben Ordnungshüter stehen zu Hunderten an jeder Straßenecke herum und bewachen diese unwirkliche Kulisse. Es ist wirklich verrückt und schwer zu beschreiben!

Prachtstraße – leer!

Reitstadion der Superlative mit Präsidentenloge im Pferdekopf

Paläste und Plätze – leer!

Ich fühle mich richtig unwohl hier. Und bei fast jedem Photostopp am Straßenrand werde ich gleich durch wütendes Trillergepfeife von den allgegenwärtigen Polizisten zum Weiterfahren aufgefordert. Witzig sind die Denkmäler mit dem alten 2006 verstorbenen, ersten Präsidenten und seinem Monumentalwerk „Ruhnama“, einem Buch, das sein Weltbild umfasst und jedes Schulkind auswendig lernen muss! Der nachfolgende und heutige Präsident war übrigens sein Zahnarzt!

Ruhnama for ever

Der Präsident und DAS BUCH

Ich bin richtig froh, als ich diesen Ort verlassen kann. Es bleibt so steril, surreal und menschenleer, bis die Welt am südlichen Stadtrand an einem Zaun und Vorposten der Grenze endet. Hier kommt nur der durch, der über ein Iran-Visum verfügt und die Vorprüfung der Dokumente besteht. Danach folgt noch eine 30km Pufferzone zum bösen Nachbarn, für die mir gleich durch den Vorposten eingeschärft wird: NO STOPP – NO PHOTOS!!!

NO PHOTOS!!! in der Pufferzone TM – IR

Nach 30 Kilometern liegen dann dicht beieinander die beiden Grenzposten von Turkmenistan und dem Iran. Die Ausreise ist nach all dem Getue bei der Einreise unerwartet einfach und schnell. Ein kurzer Blick ins Gepäck muss dennoch sein. Alles in allem gerade mal 10 Minuten. Auf den Niederländer, der in Gegenrichtung reist und mit dem ich einen gegenseitigen Tausch der Restwährungen vereinbart habe, darf ich nicht mehr warten, sondern werde sofort zum Verlassen der turkmenischen Zone aufgefordert, sobald ich abgefertigt bin.

Im Iran ist dann alles viel freundlicher und erstaunlich relaxed. Ein Stempel in den Pass, dann 20 Minuten, die ein Zollbeamter braucht, um das Carnet de Passage für das Moped zu bearbeiten (vor allem, die Daten in seinen PC einzugeben), dann ist alles vorbei! Kein einziges Zettelchen ist auszufüllen, kein Blick aufs (geschweige denn ins) Gepäck. Ich darf einfach so easy einreisen – genial!

WELCOME TO IRAN könnte glaubhafter nicht ausgedrückt werden.

Nun sind es noch gut 1500 Kilometer bis Shiraz, bis ich Ariane treffe – es wird Zeit!

Ein Gedanke zu “33 Im Galopp durch Turkmenistan – incl. Darweza Feuerkrater

  1. tatjanaphysiogmxde schreibt:

    Hallo Wolfram , toll , dass du doch das Risiko eingegangen bist , und du dir den Feuerkrater angesehen hast , mit der Zeit war es ja auch knapp !…. so habe ich dich aber kennengelernt! Es ist ja auch immer wieder interessant zu erfahren und durch dich zu beobachten , wie die Länder so sind : mit deren Menschen , Polizisten Architektur Natur … Na gut , lieber Wolfram , ich wünsche dir und Ariane eine wunderschöne Zeit mit einander in Iran ! Viel Spaß ! Liebe Grüße von Tatjana 😊

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