23 Abschied von Kasachstan – wo es am schönsten ist

Auf perfekten Straßen und immer mit den Schneekappen des Tien Shan zur Rechten, verlassen wir Almaty am Samstag gen Osten in Richtung des Dreiländerecks Kasachstan-China-Kirgisistan. Quasi auf dem Weg zum östlichsten Grenzposten nach Kirgisistan liegen ein paar der schönsten Gewässer von Kasachstan. Zum einen der Sharyn Canyon und dann die Seen Kolsai und Kaindy in der Nähe von Saty. Von hier sind es Luftlinie nur etwa 40km zum Yssykköl, doch liegt der Tien Shang dazwischen, somit werden wir 300km zum See fahren. Zu Sowjetzeiten gab es beliebte Bergwanderungen dorthin, doch mittlerweile wird diese grüne Grenze durch das Militär streng bewacht, um Übertritte zu verhindern.

Je weiter wir uns von Almaty entfernen, desto mehr fühle ich mich bei den Ortsdurchfahrten an die Maghreb-Staaten erinnert. Die Straßenränder sind mit Cafés gesäumt, draußen wird überall Lammfleisch gegrillt, die Frauen tragen Kopftücher und von den Minaretten der Moscheen hört man immer wieder den Ruf der Muezzins.

Am frühen Nachmittag biegen wir auf eine Piste zum Nationalpark Sharyn Canyon ab und erreichen nach 12km das Zahlhäuschen. Dort eröffnet man uns, dass wir mit den Mopeds nicht in den Canyon hinab fahren dürfen, sondern zu Fuß 4km unser ganzes Gepäck runter und morgen wieder hoch tragen müssen. Das ist keine Option bei 35 Grad, und so kehren wir wieder um, denn zum Glück habe ich von Ryan noch eine Alternative im Ärmel. Nur einige hundert Meter flussabwärts, kann man den Canyon vom anderen Flussufer erreichen, und das ganze komplett allein, ohne jede Kontrolle und Touristenströme! Das einzig Blöde: man fährt 60km, um dorthin zu kommen. Die Strecke entschädigt dafür mit spektakulären Felsen an anderer Stelle des Sharyns.

Am Straßenrand finden sich immer wieder verendete Tiere, wie dieses Pferd. Am nächsten Tag sitzen sogar drei Geier auf dem armen Tier und teilen die Mahlzeit – lassen sich dabei aber leider nicht photographieren.

Die letzten 20km führen auf einer zunächst einfach zu befahrenden Piste zum Canyon. Die letzen 3km in den Canyon hinab werden dann aber zu einer heftigen Herausforderung für Steve. Dreimal wirft er die Twin hin, und muss zweimal darunter befreit werden. Schließlich kommt er dennoch unversehrt im Paradies an. Anders kann man den Ort, den wir hier tief im Canyon vorfinden, nicht empfinden. Es ist ein Traum, und der Ort gehört uns! Kaum zu glauben, dass nur ein paar Steinwürfe flussaufwärts ein Touristencamp sein soll. Da der Canyon so schmal und steil ist und zur Gänze vom Sharyn ausgefüllt wird, der voller Macht hindurch rauscht, kann man sich nicht durch den Canyon bewegen, es sei denn man stürzt sich in die Fluten, was sehr gefährlich sein dürfte.

Noch im Rausch der Begeisterung über so viel Naturschönheit bauen wir unser Nachtlager auf. Der Weg, den wir hinunter gekommen sind, bietet die beste Ebene für den Zeltboden. Obwohl mir anhand der Spuren klar ist, dass sich der Weg bei Regen in einen Wasserstrom verwandelt, entscheide ich mich für diesen Platz, denn das Wetter sieht so stabil aus, dass ich dieses Risiko für äußerst gering halte. Eine Fehleinschätzung, wie sich später zeigen soll.

Wir verleben einen wunderschönen Abend, Baden im Stromschatten des Flusses, kochen Pasta Bolognese und beobachten in unseren Campingstühlen die Vögel während der Dämmerung beim Fischfang – einfach herrlich!


Dann legen wir uns schlafen. Ich beobachte noch eine Weile die Sterne. Gegen 22 Uhr meine ich ein Wetterleuchten wahrgenommen zu haben, kann es aber zunächst nicht glauben. Wenige Minuten später gibt es keinen Zweifel mehr. Als um halb elf auch noch die Sterne verschwinden, wird es mir mit meiner Zeltposition doch unwohl. Also löse ich die Heringe und ziehe das Zelt samt Inhalt auf eine etwas höher gelegene Stelle neben dem Weg, wo ich es sturmtest aufbaue. Ich liege noch keine 5 Minuten wieder im Zelt, da höre ich eine Sturmböe das Tal hinabkommen. Es dauert noch weitere 20 Sekunden unter dem bereits tosenden Lärm, bis der Wind dann unseren Platz und die Zelte mit voller Wucht erfasst. Das ist ein beeindruckendes Naturschauspiel! Im Zelt kann ich das Ganze sogar genießen, zumal ich ja nicht mehr befürchten muss, fortgespült zu werden. Der Regen setzt erst zögerlich ein. Dann traue ich meinen Ohren nicht: Um 23 Uhr kommt doch tatsächlich ein Fahrzeug den Weg herabgefahren, der schon bei Tageslicht herausfordernd ist. Wie kann man das in der Nacht wagen? Und warum? Das ist die bange Frage, die mich dabei umtreibt. Da hilft auch nicht gerade die Nachricht der letzten Woche, dass im Tadjikischen Pamir am 28. Juli 4 Fahrradtouristen ermordet wurden. Eine plausible Antwort auf die Frage „Warum?“ wäre natürlich die Absicht, hier campende Touristen auszurauben. Der Platz ist zwar nicht sehr frequentiert, doch unbekannt ist er nicht. Mich erfasst nun doch Angst, was mir beim Zelten selten geschieht.

Die Scheinwerfer erfassen nun unsere Zelte, und das Auto kommt vielleicht 20m vor uns zum stehen. Der Motor erstirbt, etliche Leute steigen aus und beginnen recht laut zu reden – ein gutes Zeichen! So richtig beruhigt bin ich dann, als ich auch Frauenstimmen vernehme. Ich sitze im Zelt und spähe hinaus. Dort sehe ich doch tatsächlich 5 Leute beim Aufbauen ihrer Zelte im Regen – ich kann’s nicht fassen! Am nächsten morgen stellen diese sich als Familie aus Almaty auf Wochenendausflug heraus. Was um Himmels Willen sie veranlasst hat, mitten in der Nacht diese abenteuerliche Fahrt in den Canyon zu wagen, bleibt allerdings auch nach ausführlicher Befragung ein Rätsel.

Während ich die Sturm- und Regennacht im Zelt sehr genossen habe, muss Steve eine schreckliche, schlaflose Nacht verbracht haben. Seine Gedanken kreisten nur um die Frage, wie er die Piste nach dem Regen wieder hoch kommen solle. Und in der Tat stellt sich die Auffahrt aus dem Canyon als höchst anspruchsvoll heraus. Es hat zwar zu regnen aufgehört, doch die Wassermassen haben die Piste arg erodiert. Steve gibt tapfer sein bestes, doch bereits im ersten, noch flachen, Teil stürzt er dreimal. Diesmal prellt er sich einen Finger, zerstört die Handprotektoren am Moped und klemmt den Fuß unter der Maschine ein. Dafür bewährt sich das neue Gepäcksystem, das alle Stürze schadlos übersteht.

Die weitere Auffahrt aus dem Canyon erscheint aber unter diesen Bedingungen unmöglich, zumal die schwierige, steile Passage noch bevorsteht. Also fahre ich nach dem dritten Sturz die Twin die verbleibenden 2km aus dem Canyon heraus, laufe zurück und hole dann meine Maschine, während Steve im mittlerweile wieder einsetzenden Regen hinauf läuft!

Schon ziemlich nass, ziehen wir – oben angekommen – die Regenklamotten an. Die verbleibenden 17km zur Asphaltstraße, die gestern noch problemlos mit 50km/h zu fahren waren, stellen heute im Regen eine weitere Herausforderung dar. Der Lehmboden ist total aufgeweicht und lässt einen wie auf Schmierseife nur sehr, sehr langsam fahren. Auch hier sucht die Twin noch das eine oder andere Mal Bodenkontakt. Schließlich gelangen wir im Örtchen Aksay zur Hauptstraße und finden dort Unterschlupf in einem Straßencafé, wo wir bei einem leckeren Mittagessen den Regen abwarten. Dann fahren wir nach Saty. Das Wetter ist nicht stabil, doch den größten Teil der Strecke fahren wir im Trockenen. Nach der gestrigen Hitze sind die 15 Grad heute ganz wohltuend. Unterwegs treffen wir nochmal auf den Sharyn, der sich weiterhin tief in die Landschaft gegraben hat.

Nach etlichen Pässen auf vollkommen zerstörten Straßen kommen wir abends in Saty an, wo wir ein gemütliches Guesthouse finden und trocken in den nächsten Sonnentag kommen.

Den Plan, zum Kaindy Lake zu fahren müssen wir leider verwerfen, denn der Regen hat die Piste dorthin total verschlammt. Die GAZ-Geländefahrzeuge haben dann das Übrige dazu getan, dass die Piste für unsere Mopeds unpassierbar ist – Schade eigentlich! Dafür kommen wir auf schöner Bergstraße zum Kolsai Lake, der smaragdgrün im Talkessel liegt.

Auf dem Schotterweg dahin sehen wir nach langer Zeit mal wieder Jurten, die sich hier auch so nennen und nicht Gers, wie in der Mongolei.

Der weitere Weg zur kirgisischen Grenze führt wieder an Aksay vorbei und dann weiter über einen Pass nach Kegen, der letzten Stadt auf kasachischer Seite. Danach ist die Welt zu Ende und die Zuständigkeit für den Straßenunterhalt offensichtlich auch. 20km fürchterlichsten Wellbleches präparieren einen für alle zu erwartenden Quälen beim Grenzübergang. Doch diese Erwartungen erfüllen sich an dieser Grenze nicht. Ganze 12 Minuten dauert die Prozedur auf beiden Seiten in Summe. Im Grunde werden nur die Pässe gestempelt und der Kasache schaut noch halbherzig in die Seitentaschen. Der Kirgise will gar nicht sehen, was man ihm ins Land bringt, dafür klärt er einen darüber auf, wie toll sein Land und wie schlecht Kasachstan sei!

Diese Einschätzung kann ich keineswegs teilen. Nette und aufgeschlossene Menschen, schöne Berge und Gewässer, tolles Almaty und prima Wetter erzeugen in mir – von den Polizisten sei einmal abgesehen – nur positive Gefühle für Kasachstan. Hinzu kommt, dass ich nach der Mongolei endlich wieder vom Russischen profitieren und mit den Menschen kommunizieren könnte. Die zwei Wochen und 2.300km in diesem Land vergingen im Nu!

Heute fahren wir noch gute 100km bis nach Karakol, der Hauptstadt der Region Yssykköl – mit 92.000 Einwohnern schon die viert größte Stadt Kirgistans.

Die Strecke dahin scheint in einer weit zurück liegenden Zeit stehen geblieben zu sein. Getreidefelder werden noch von Hand mit der Sense abgeerntet und vielerorts wohnen Imker nebst ihren Bienen und Verkaufsständen. Dazwischen reiten die Hirten in ihren Herden und bieten einen stolzen Anblick.

In den Ortschaften wird stets jemand auf dem Sockel verehrt und es gibt immer eine kleine, bescheidene Moschee.

Karakol empfängt uns mit einer beeindruckenden Gebirgskulisse im Hintergrund. Wir steigen in Memo’s Guesthouse ab. Memo ist Italiener und selbst Mopedfahrer. Er ist auf einer Reise vor 9 Jahren hier hängen geblieben, weil er sich so in das Land und den Ort verliebt hat – allzu leicht verständlich! Das Guesthouse ist mit viel Aufwand und Liebe hergerichtet worden, bietet einen ungewöhnlich guten Standard, und ebenso aufwendig und liebevoll wird das Essen zubereitet. Eine gute Wahl! Memo selbst ist eine echte Type, redet sehr viel, ist aber voll passioniert in dem was er tut!

Einfahrt nach Karakol

Memo‘s Garten

Memo in der Mitte

3 Gedanken zu “23 Abschied von Kasachstan – wo es am schönsten ist

  1. tatjanaphysiogmxde schreibt:

    Hallo Wolfram , das war ja wider sehr sehr abenteuerlich! Die Lehmwege …. die kenne ich von meiner Heimat natürlich auch sehr gut , wenn ein kleiner Regen war , dann war es aus …. man hat eine nicht mal Schrittgeschwindigkeit gehabt beim Fahren , und wir sind nur hin -, und hergerutscht ! Das ganze mit Angst und Risiko verbunden …. ich habe bei deinen Beschreibungen richtig mitgefühlt …. die Fotos sind wider topp !!!I. Ich kann ja wirklich mit Erleichterung mich noch wiederholen : Gottseidank ! Ihr seid zu zweit ! Passt auf euch gut auf . Liebe Grüße Tanja

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  2. micha1200gs schreibt:

    Wolfram,
    Habe beim Lesen gedacht, ich stehe neben Euch! Du schreibst so realistisch, dass ich hin und wieder prüfen muss, ob ich nicht gerade im Regen stehe…
    Was ist das für eine Tour! Abenteuer pur und ich denke in Steve hast Du einen Kumpel fürs Leben gefunden und umgekehrt. Eigentlich sah die Affentwin doch noch recht neu aus? Aber das war wohl einmal. Wie auch immer, das sind ja nur Äußerlichkeiten, denn sie läuft ja offensichtlich klaglos, trotz der zahlreichen Stürze. Scheint wirklich robust zu sein das Teil. Jo, dass Deine BMW Dich nicht im Stich läßt, ist wohl auch Deinem Fahrkönnen zu verdanken. Da zahlt sich die gute Schule mit Deinen Tourenfreunden wie Guido und Co offensichtlich aus. Wirklich spannend, was ihr da so treibt. Nun wünsche ich Euch erstmal gute Erholung von den zurückliegenden Strapazen bei Pasta und einem guten Wein. Oder doch eher Wodka?

    Liebe Grüße aus dem fernen Westen,
    Dein Kumpel Micha

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  3. Andrea schreibt:

    Du scheinst ja eine unglaubliche Tour zu machen. Spannend, was du alles so erzählst. Und die Gegend, wow. Ich würde sowas auch gern mal machen, mal sehen, wann ich dazu komme. Nomaden zu treffen ist auf jeden Fall immer sehr beeindruckend. Viele Grüße

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