18 Raus aus der Mongolei oder Wolfram goes West

Am Mittwoch verlasse ich nach 8 Tagen mit Steve das Oasis. Diese Tage waren eine angenehme Ruhepause für mein Bein, aber gleichermaßen auch für die Abenteuerseele, die zuvor ein wenig überstrapaziert wurde. Wir fahren zunächst zur russischen Botschaft, wo ich ab 12 Uhr meinen Pass mit dem Transitvisum abholen kann. Mit Mühe hatte ich am Donnerstag 5 Tage für den Transit heraus verhandelt, denn man wollte mir nur 2 Tage geben, da es ja nur 1000km von der mongolischen zur kasachischen Grenze seien und das sei schließlich in zwei Tagen zu schaffen. Dass allein in den 2000km zur russischen Grenze durch die mongolische Pampa Unwägbarkeiten von mehreren Tagen liegt, interessierte nicht. So darf ich mich nun in der Zeit vom 24.-28. Juli in Russland aufhalten. Eigentlich schade, denn wir fahren dort durch das Altai-Gebirge, dass zu den schönsten und spektakulärsten auf der Erde zählt!

Der Pass ist zum Glück pünktlich, und so verlassen wir gegen 13 Uhr Ulan-Bator, das noch immer durch Nadaam verkehrsberuhigt ist. Ab heute lautet das Motto: „Wolfram goes West“. Die heutige Etappe bis Kakorum fahre ich nun schon zum dritten Mal, allerdings in anderer Richtung. Der Unterschied besteht darin, dass die heftigen Regenfälle der vergangenen Woche die Landschaft komplett verändert haben. Zum einen ist es viel grüner und blühend geworden,

zum anderen sind die Straßen an vielen Stellen durch Erdrutsche und Schlammlawinen verschüttet. Das Fahren gestaltet sich dadurch ganz schön langwierig.

Die ganze Fahrt schon hangeln wir uns an einer Schlechtwetterfront entlang, bleiben aber lange Zeit trocken. Bei den Sanddünen von Rashaan ereilt uns dann doch der Regen. Es kübelt wie aus Eimern, doch nur kurze Zeit später biegen wir ab und fahren in die Abendsonne von Kakorum, wo wir uns in einem Ger-Camp einmieten. Wir sind etwas irritiert, als plötzlich ein LKW ankommt und innerhalb von 2 Stunden sämtliche Gers um uns herum abgebaut und auf den LKW geladen werden, bis am Ende nur noch unseres und das Nachbar-Ger stehen bleiben. „Schließen die das Camp?“, frage ich mich. Mitnichten! Der Chef erklärt mir, dass die Regierung in der Nähe eine große Konferenz abhalte und sich dafür von überall her Gers Ausleihe, und das zu unterstützen, sei selbstverständlich und eine Ehrensache.

Leider hat das Camp keine Küche, und so geht es ohne Abendessen ins Bett.

Der Donnerstagmorgen lockt zunächst mit schöner Sonne, doch der Schein trügt, denn es ist Regen angesagt – und das für die kommenden 2-3 Tage! Nach aller Off-Road-Erfahrung in diesem Land verheißt das nichts Gutes! Ich prüfe im Navi nochmal die 600km lange Off-Road-Etappe von Ikh-Tamir nach Altai, die wir uns für die folgenden Tage ausgesucht haben und stelle dabei fest, dass es einen Teil der Strecke gar nicht kennt. Ohne Korrektiv durch das Navi ist die Gefahr des Verirrens einfach zu groß! Somit tritt Plan B in Kraft. Wir fahren heute noch 480km westlich auf Asphalt bis Tosontsengel und queren dann über Piste auf die südliche Asphaltstraße bei Altai.

Als wir 3 Stunden später am Einstieg in die ursprünglich geplante Piste vorbeifahren, es dort zu regnen beginnt und wir die schlammigen Spuren der Piste sehen, sind wir sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben!

Die weitere Fahrt ist anstrengend. Schlaglöcher unergründlicher Tiefe verbergen sich unter der Wasseroberfläche, die der unglaublich ergiebige Regen auf die Straße zaubert. Es ist wie Minigolf, nur dass hier das Ziel lautet, nicht einzulochen! Es geschieht natürlich trotzdem immer wieder, und einmal mehr freue ich mich über die Investition in eine stabilere Vorderradfelge und in ein besseres Fahrwerk.

Nach 8 Stunden mit viel Regen und endlosen, verschlammten Baustellen erreichen wir Tosontsengel und steigen dort im einzigen „Hotel“ ab. Diese Edelherberge hat draußen ein Ekel-Plumpsklo, kein Wasser und Betten mit Brettern anstelle von Matratzen. Aber für 3,50€ pro Nacht ist auch nicht mehr zu erwarten!

Die Nacht genießen wir dennoch nach der anstrengenden Fahrt. Und der Magen muss auch nicht darben, denn es gibt noch das typische Nudelgericht mit Gemüse und Schafsfleisch.

Ich stelle fest, dass das Zu-Zweit-Reisen meiner Stimmung sehr gut tut. Alleine hätte mich der trostlose Ort sicherlich in Depression gestürzt, so aber nehme ich es gelassen und witzle mit Steve darüber. Überhaupt ist Steve ein liebenswerter und sehr unkomplizierter Reisepartner!

Am Freitagmorgen liege ich schon ab drei Uhr wach. Die schlechten Wetteraussichten und die für heute anstehenden 186 Pistenkilometer nach Uliastai verursachen ein ungutes Gefühl im Magen! Steve scheint es ähnlich zu ergehen, und so satteln wir schon um kurz nach sechs auf, um die Gunst der Stunde zu nutzen, denn noch regnet es nicht, aber die schwarzen Wolken hängen tief in den Bergen.

Hätten wir mal am Vorabend getankt! An der Tankstelle erfahren wir nämlich, dass es immer erst ab 7 Uhr Strom im Ort gibt und die Zapfsäulen vorher nicht funktionieren. Die Aussicht auf 45 Minuten Warten gefällt mir gar nicht, und so frage ich, ob es denn keinen Generator zur Stromerzeugung gäbe, denn bei den häufigen Stromausfällen können die Menschen hier nicht ihre Mobilität preisgeben. Da leuchtet das Gesicht des Tankwarts auf und wir holen gemeinsam einen Generator aus dem Schuppen. Um halb sieben ziehen wir vollgetankt davon. Die ersten 35 km verlaufen auf einer durch den Regen vollkommen zerfurchten Sandpiste, die sich auf zig Spuren verteilt. Daneben verläuft die Baustelle für die Asphaltstraße, die eines Tages diese Piste ersetzen soll. Dann plötzlich und völlig unerwartet wird aus der Baustelle eine nagelneue, fertige Asphaltstraße. Ich kann unser Glück kaum fassen, denn für die vergangenen 35km haben wir 2 Stunden gebraucht. Das Asphaltband hält gute 70km und bringt uns bis auf 80km an das Etappenziel, das zu erreichen nunmehr realistisch erscheint. Unter dunklen Wolken aber trocken geht es dann einen 2500m hohen Pass hinauf. Leider wählen wir eine Spur auf der linken Talseite, was sich bald als Fehler herausstellt, denn wir müssen den Fluss überqueren, um den Pass auf der anderen Talseite zu erreichen. Das gibt für Steve nasse Füße, bei mir halten Gamaschen die Schuhe trocken.

Mühsam gelangen wir schließlich nach mehr als einstündiger Auffahrt zur Passhöhe, die wie alle Pässe dem Schamanenkult dient.

Jetzt will uns das Navi in 47km am Ziel wissen und wir glauben, es fast geschafft zu haben, doch da macht uns das Wetter einmal mehr einen Strich durch die Rechnung. Kaum dass wir die Passhöhe verlassen, beginnt es derart heftig zu kübeln, dass die Sicht auf 20 Meter begrenzt und die Piste zum reißenden Fluss wird. Quasi blind und im Schneckentempo tasten wir uns den steilen Weg hinunter und werden dabei von den Löchern und Gräben im Untergrund mehrfach fast verschluckt. Weiter unten wird der Untergrund auch noch glitschig. Es ist wirklich ein Albtraum! Das Wasser hat die Piste derart mit tiefen Löchern übersäht, dass wir die Mopeds zum Cocktailschütteln verwenden könnten. Über 3 Stunden brauchen wir für gut 40km. Es grenzt an ein Wunder, dass bei mir alles dicht bleibt und ich später trocken aus den Regenklamotten steigen kann. Bei Steve sieht das leider anders aus.

Just bei Einfahrt in den Ort Uliastai reißt der Himmel auf und die Sonne zeigt kurz ihr Gesicht. Das Navi führt uns zu einem Hotel, dass alle Erwartungen übertrifft. Zimmer mit Dusche und WC – fast schon europäischer Standard! Wir genießen nach der Tortur diesen Luxus und sind stolz darauf, heil angekommen zu sein. Am Ende werden wir auch noch mit einem leckeren Abendessen verwöhnt. An dieser Stelle muss ich mal die mongolische Küche verteidigen, die sehr viel besser ist als ihr Ruf!

Am Samstag stehen 196km Pistenfahrt von Uliastai nach Altai auf dem Plan. Am Morgen hängen noch tief schwarze Wolken über dem Ort, doch soll heute endlich der große Wetterumschwung kommen. Die Strecke verläuft spektakulär schön über zahlreiche Pässe und dazwischen über weite Hochtäler.

Am Anfang gibt es doch noch den einen oder anderen Schauer, doch gegen Mittag beißt sich die Sonne endgültig durch. Die Fahrt bereitet so richtig Freude bis wir zu einer Passauffahrt kommen, die vom Regen noch sehr aufgeweicht ist. In einer tiefen Matschrinne erwischt es dann Steve. Ich sehe ihn im Spiegel stürzen, bin gleich vom Moped runter und laufe die 50m zu ihm zurück. Zum Glück gibt er gleich Entwarnung, es sei ihm nichts passiert, doch ist sein rechter Fuß unter dem Motorrad gefangen und kann erst befreit werden, als ich die Maschine anhebe. So ganz ohne Blessur kommt Steve dann doch nicht davon: Fuß- und Handgelenke wurden überdehnt und schmerzen ein bisschen. Aber es geht wohl ganz gut.

Anders sieht es am Moped aus, oder genauer gesagt beim Gepäck. Der rechte Original Honda Koffer hat sich beim Sturz in seine Bestandteile zerlegt. Mit Gurten bekommen wir ihn irgendwie wieder ans Moped, aber es ist schön ein Witz, was sich Honda hier für eine Enduro ausgedacht hat. Der Sturz war wirklich soft, und da darf ein Koffer nicht derart zerstört werden – und schon gar nicht bei einem Moped, das für den Off-Road-Einsatz konzipiert ist!

Nach 45 Minuten Notreparatur können wir weiterfahren. Anfangs noch durch den Schock gehemmt, doch schon eine Stunde später fährt Steve wie zuvor, und wir können die phantastische Strecke wieder uneingeschränkt genießen.

Am Ende wird die Piste sogar richtig gut, und wir erreichen schon am frühen Nachmittag ganz entspannt Altai, wo wir wieder auf Asphalt treffen. Jetzt ist der schwierigste Teil auf dem Weg raus aus der Mongolei geschafft, und ein entsprechendes Victory-Gefühl macht sich breit!

Dem Schrecken von Steve Rechnung tragend, quartieren wir uns wieder in einem ordentlichen Hotel ein, obwohl wir eigentlich eine Zeltübernachtung geplant hatten.

Am Sonntag folgt mit 440km auf perfektem Asphalt quasi ein Ruhetag. Die Landschaft verändert sich dramatisch, denn wir gelangen in den mongolischen Teil des Altai-Gebirges. Wunderschön gefärbte Felsformationen ragen nun bis zu 4.000m aus den Hochtälern heraus – zum Teil sogar schneebedeckt. Es wirkt gar nicht so hoch, da schon die Täler auf knapp 2.000m liegen. Es fällt auf, dass hier keine Nomaden mehr leben. Keine Gers, keine Schafe, Ziegen und Kühe mehr – nur noch Kamele und ein paar Wildpferde.

Schließlich wird das Land immer karger. Die Berge verlieren die Farbe. Überall liegt nur noch schwarzer Schotter – eine absolut lebensfeindliche Zone. Hier gibt es viele kleine „Gehöfte“ aus dem schwarzen Stein gebaut, doch kein einziges davon ist noch bewohnt. Es wirkt alles traurig und gespenstig! So nähern wir uns am späten Nachmittag der Stadt Khovd und können davor keinerlei geeigneten Lagerplatz zum Zelten finden in dieser Mondlandschaft. Somit ist trotz des guten Wetters wieder eine Hotelübernachtung angesagt. Diesmal wieder mongolischer Standard, oder genauer gesagt einstmals europäischer Standard, nur runtergekommen.

Am heutigen Montagmorgen verabschieden wir uns von der Nachtwächterin, die auf unsere Mopeds aufgepasst hat, und ihren Kindern. Das ist sehr nett!

Es ist der letzte Tag in der Mongolei, und wir wollen nach Ölgi, der letzten Stadt vor der Russischen Grenze, die ich ja erst morgen übertreten darf. Das sind zwar nur 225km, doch 150km davon sind noch im Bau. Somit wird dieser Tag zu einer sehr staubigen Angelegenheit. Die Piste neben der Baustelle ist nicht wirklich schwer zu fahren, doch reizt immer wieder der frisch fertiggestellte Asphalt auf einigen Baustellenabschnitten, und die Auf- und Abfahrten über den Straßendamm stellen schon eine gute Herausforderung dar. Steve fährt einfach hinterher und meistert diese Schwierigkeiten ganz cool ohne Zwischenfälle. Die Gebirgswelt hier ist wieder so schön bunt wie gestern Vormittag. Auch Seen sind zu finden und lassen wieder das vertraute Bild von Nomaden-Gers und riesigen Viehherden entstehen. Dabei fasziniert mich immer wieder die Farbkombination der Herden aus schwarz-weiß-braun auf grünem Grund.

Und nun, da ich diesen Blogbeitrag zu Ende schreibe, sitze ich in unserem Ger im Blue Wolf Camp in Ölgi und lasse nochmal die gesamten 5 Wochen in der Mongolei Revue passieren. Morgen früh sind es noch 100 Straßenkilometer zur russischen Grenze, und ich werde sicherlich drei Kreuze machen, das Abenteuer Mongolei heile überstanden zu haben.

Am Ende bin ich aber auch froh, dass ich Steve heil aus dem Land geführt habe, für den ich schon mit meiner Vorfahrerei so etwas wie Verantwortung fühle. Jetzt genießen wir die Ruhe des letzten Abends auf mongolischen Boden.

Im nächsten Beitrag folgt noch eine Reflexion auf die Zeit in der Mongolei.

3 Gedanken zu “18 Raus aus der Mongolei oder Wolfram goes West

  1. tatjanaphysiogmxde schreibt:

    Hallo Wolfram, es war wieder sehr interessant und spannend ! Freue mich , dass du ohne neuen Verletzungen Mongolei 🇲🇳 hinter dir hast , obwohl das Schwere bekannterweise die Reise gerade interessant macht dich ja auch wachsen lässt , die Horizonte erweitert etc. Ich wünsche dir weiterhin Glück , viel Spaß , pass bitte auf dich gut auf ! Ich hoffe deinem Knie geht es besser . Liebe Grüße Tatjana 😊

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