15 Der Nordwesten der Mongolei mit Sozia

Noch am gleichen Tag bekomme ich in der Deutschen Botschaft in Ulan-Bator einen neuen Pass mit einem Jahr Gültigkeit. Das ist nicht so einfach und erforderte Ariane’s Hilfe, weil der deutsche Konsul eine Direktdurchwahl zu einem Mitarbeiter der Meldestelle in Berlin benötigt (aber nicht bekommt), der ihm bestätigt, dass er mir einen Pass ausstellen darf. Noch während Ariane am Flughafen in Berlin auf den Flug nach Ulan-Bator wartet, zieht sie alle Register und besorgt über Ronald – unseren Freund und Nachbarn, der bei der Polizei arbeitet – die Direktdurchwahl einer Mitarbeiterin der Meldestelle, die der Konsul gerade zum Dienstschluss der Botschaft erreicht. Dann überziehen sie für mich noch die Arbeitszeit um 30 Minuten und ich halte einen neuen Pass in Händen – kaum fähig mein Glück zu begreifen.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker schon um 5 Uhr. Um diese Zeit bin ich fast alleine auf den ansonsten total überfüllten Straßen Ulan-Bator’s unterwegs zum Flughafen, wo Ariane um viertel nach sechs fast pünktlich landet. Die Wiedersehensfreude ist riesig!

Von nun an geht’s mit großer Gepäckrolle und Sozia weiter! Wir beziehen im Oasis-Camp ein Ger und genießen nach langer Zeit unsere Zweisamkeit. Während Ariane dem Jetlag mit ein wenig Schlaf entgegenwirkt, suche ich die Mongolische Einwanderungsbehörde auf, um meine Einreise im neuen Pass zu legalisieren. Funktioniert sehr freundlich, unkompliziert und schnell! Gleichzeitig besorge ich mir eine Aufenthaltsverlängerung, denn nach Ariane’s Abreise werde ich noch mein Russlandvisum in den neuen Pass übertragen lassen müssen, was sicherlich etwas Zeit in Anspruch nehmen wird. Am Nachmittag unternehmen wir bei großer Hitze einen Ausflug zum Kloster Manzshir, etwa eine Stunde südlich der Hauptstadt. Die letzten paar Kilometer vermitteln uns schon mal das Pistengefühl im Soziusbetrieb – läuft ganz gut. Auf dem Rückweg schauen wir uns im Zentrum von Ulan-Bator um, doch eine Offenbarung ist diese Stadt wahrlich nicht. Interessant ist eine Hochzeitsgesellschaft in traditioneller Tracht.

Am Abend gehen wir mit Karin & Coen in ein koreanisches Hot Pot Restaurant, eine der wenigen Orte in der Mongolei, wo man vegetarische Speisen bekommt. In Anbetracht von 65 Millionen Schafen, Ziegen und Rindern für eine 3 Millionen Bevölkerung liegt es auf der Hand, dass die Nahrung im wesentlichen aus Fleisch besteht.

Am Samstag begeben wir uns dann auf unsere gemeinsame 12-tägige Rundreise durch den Nordwesten des Landes. Wir tauschen meine 49l-Tasche gegen ein doppelt so großes Exemplar und fahren an diesem Tag 350km auf Asphalt über Darkhan zum Kloster Amarbayagalant. Während der Mittagspause an einem Khushur-Ger können wir nebenan den Aufbau eines Ger beobachten.

Die letzten 35km verlaufen auf einer mittelschweren Piste durch eine sehr einsame Hügellandschaft. Ariane erweist sich auch auf diesem Untergrund als gute Sozia, die ich fahrerisch kaum spüre. Rechtzeitig zum Abend taucht linker Hand ein Ger-Camp auf, das uns mit einem gemütlichen Ger und einem leckeren Abendessen verwöhnt.

Nach einem reichlichen Frühstück fahren wir am Morgen zur Klosteranlage, die auf der UNESCO Kulturerbeliste steht – zu Recht, wie wir finden, denn es ist eine wirklich beeindruckende Architektur, an der der Zahn der Zeit schon sehr nagt.

Hoch über dem Kloster thront der Buddha, den wir dreimal im Uhrzeigersinn umrunden und dabei einen Wunsch adressieren.

Über die gleiche Piste müssen wir die 35km zurück zur Straße. Nächstes Ziel ist der Vulkan Uran Toogo 240km weiter westlich. Unterwegs treffen wir Lotti & Ryan aus Schottland, die ich 10 Tage zuvor in der Gobi kurz am Straßenrand gesprochen habe. Wir freuen uns über das Wiedersehen und beschließen, in Erdent gemeinsam zu Mittag zu essen. Der Ort ist vollständig durch seine Kupfermine geprägt, die alleine 10% des Weltjahresbedarfs an Kupfer deckt. Dementsprechend hässlich ist hier alles, und die Landschaft vielerorts auf Links gedreht. Aber was ereifere ich mich, angesichts der vielen Elektronik, die ich mit mir führe, die letztlich den Kupferbedarf ankurbelt.

Der Zeitpunkt dieser Mittagspause ist gut gewählt, so können wir das heftige Gewitter aus dem trockenen Restaurant beobachten. Als wir uns verabschieden, um unseren Weg fortzusetzen, bricht schon wieder die Sonne durch, doch die Freude hält nur bis Bulgan, wo wir angesichts schwärzester Wolken prophylaktisch die Regenklamotten anlegen. Gute Entscheidung, wie uns der kurz darauf einsetzende Starkregen bestätigt. So fahren wir noch eine gute Stunde im strömenden Regen nach Uran Toogo und lassen uns dort von einem Wegweiser auf die falsche Fährte zu einem 7km entfernten Ger-Camp locken, das über eine rutschige Piste erreicht wird, sich dann aber zum einen als das falsche Camp und zudem noch als geschlossen herausstellt. Das richtige Camp wäre nur 4km weiter Nähe der Straße gewesen! Wir erreichen es reichlich nass just in dem Moment als der Himmel aufreißt und ein paar restliche Strahlen der Abendsonne auf uns niederlässt.

Wir freuen uns sehr über die warme Dusche und das leckere Abendessen bei sehr freundlicher Bedienung.Die Nacht im Ger ist sehr angenehm und erholsam. Am Morgen nach dem Frühstück dürfen wir unser Gepäck noch im Ger lassen und machen uns unbeschwert auf die 6km Piste zum Vulkankegel auf.

Auf dem Weg beobachten wir eine stattliche Anzahl an Geiern beim Verrichten ihrer Arbeit an einem verendeten Rind. Die Größe der Vögel ist wirklich beeindruckend!

Mit dem Moped fahren wir halb um den Vulkan herum und besteigen ihn dann auf einem direkten Pfad über die Rückseite – ganz schön steil! Oben angekommen, umrunden wir den Kraterand – natürlich im Uhrzeigersinn – und bestaunen einen etwa 2m breiten und ebenso tiefen Riss, der sich einmal quer durch das Zentrum des Kraters zieht.

Hier finden wir eine bunte Blumenwiese u.a. mit Feuerlilien, die hier sehr verbreitet sind.

Gegen Mittag an diesem Sonntag kehren wir zum Ger zurück und fahren noch rund 120km über die Straße in den Westen, überqueren dabei den Fluss Selenge, der interessanterweise auch in Ulan-Ude direkt am Taiga Camp – dort wo ich 2 Wochen zwangspausiert habe – vorbeifließt und später in den Irtys mündet und sich schließlich in den Arktischen Ozean verabschiedet. Ein weiter Weg!

In Khutag Öndör versorgen wir uns mit reichlich Wasser, denn kurz darauf begeben wir uns auf eine lange Strecke über Pisten zum Khövsgöl-See, dem größten Süßwasserreservoir der Mongolei und nach dem Baikalsee der zweitsauberste See der Erde. Die Piste ist anfangs noch ganz passabel, entwickelt sich aber zusehends schwierig mit vielen Matschpassagen und kleineren Flussquerungen. Beeindruckend sind die Abertausenden Schmetterlinge, die sich entlang der gesamten Piste tümmeln. Wann gab’s das zuletzt mal bei uns?

Hinter Erdene Bulgan wollen wir nur noch ein schönes Plätzchen zum Zelten finden, geraten dabei aber auf sehr schlüpfrigen Untergrund – ein bisschen zu viel Anstrengung am Ende eines langen Fahrtages auf schwierigem Grund. Es geht aber gut und dann tut sich rechter Hand eine traumhafte Blumenwiese auf, die ideal als Lagerplatz für die Nacht dient. Etwas erhaben genießen wir auf unseren Campingstühlen – ja so viel Luxus gönnen wir uns – den Blick über das morastige Tal, durch das wir gerade gekommen sind.

Hier verbringen wir in der Abendsonne einen wild romantischen Abend. Das Zu-Zweit-Reisen ist schon eindeutig schöner! In der Nacht regnet es ganz ordentlich, doch der sonnige Morgen lässt alles wieder vor dem Einpacken trocknen.

Ziel der heutigen Etappe sollen die heissen Quellen von Bulnay sein, knapp 150km auf Piste. Zuvor steuern wir das Örtchen Chandmani Undur an. Die Landschaft ist atemberaubend, doch die Piste wird immer anspruchsvoller und einsamer. Keinerlei Autos begegnen uns, dafür viele Herden an Weidetieren.

Ab und zu auch ein Wasser, das zu durchqueren ist oder eine Kultstätte der Schamanen.

Am Nachmittag erreichen wir dann reichlich durchgerüttelt das Örtchen Chandmani Undur, das sich nach 100km absoluter Wildnis wie aus dem Nichts mit beachtlicher Größe und seinen bunten Dächern vor uns auftut. Wir versorgen uns wieder mit Wasser und verspeisen ein paar Khushurs im einzigen „Restaurant“.

Als ich den Garmin auf das nächste Ziel – die heißen Quellen von Bulnay programmieren will, muss ich feststellen, dass sich mein Navi nicht daran erinnern kann, jemals da gewesen zu sein. Jedenfalls kennt es keine Piste dahin. Eine Fahrt über diese vielverzweigten Pisten ohne Navi erscheint uns zu unsicher, und als uns auch noch die Frau im Laden zu verstehen gibt, dass die Strecke zu den Quellen sehr schwierig und sumpfig sei – die direkte Piste an den See nach Khatgul hingegen „normal“ befahrbar – steht unser Entschluss fest: Wir streichen die heißen Quellen und fahren nach Khatgul. Dorthin sind es 92km, die wir aber nochmal mit einer Zeltübernachtung auf zwei Tage aufteilen.

Nach nur wenigen Kilometern zeigt sich schon, dass „normal befahrbar“ eine sehr subjektive Beschreibung der Piste sein muss. Über steile, felsige Auffahrten geht es auf einen Pass hinauf und dann in ein sumpfiges Tal, das uns bei der Querung eines Sumpffeldes schon bald den Stecker zieht.

Eigentlich wäre das der richtige Zeitpunkt, das Zelt aufzubauen und dem neuen Tag eine Chance zu geben. Doch zu allem Überfluss müssen wir feststellen, dass wir auf der Rüttelpiste zuvor irgendwo unsere 5l-Flasche Wasser verloren haben. Somit wäre eine Übernachtung ohne Abendessen und ohne zu Trinken angesagt – eine wenig reizvolle Vorstellung!

Irgendwie gelingt es uns die Maschine aufzustellen und aus dem Modder zu befreien. Dabei stellt sich Ariane viel cooler heraus als ich, der ich mir wirklich Sorgen um unser Weiterkommen mache. Noch liegen knapp 50km bis Khatgul vor uns und es ist schon nach 18 Uhr. Wir denken beide das gleiche: Lass uns das hier hinter uns bringen und durchfahren nach Khatgul, wo uns schöne Ger-Camps mit Dusche und Abendessen erwarten. Gesagt getan: 2 Stunden später nach einer sehr strapaziösen Fahrt, auf der wir sogar einige Adler zu sehen bekommen, betreten wir unser Ger im Mongol Unji Camp in Khatgul, genießen eine heiße Dusche und ein tolles Abendessen mit Fisch aus dem zweitsaubersten See der Erde.

Die Herbergsleute sind äußerst nett und die Dame des Hauses spricht ein excellentes Englisch, was hier sehr selten vorkommt. Man heizt uns am Abend das Ger ein und sogar am frühen Morgen wird der Ofen von einem Heinzelmänchen befeuert, das sich während unseres Schlafes ins Ger schleicht – was für ein Service!

Bei so viel Annehmlichkeiten im Camp gönnen wir uns am heutigen Mittwoch einen ruhigen Tag in Khatgul. Am Vormittag fahren wir 20km nördlich an den See, stellen aber fest, dass es dort nicht so schön ist. Viele Camps und Restaurants reihen sich wie Perlen an der Kette auf und stecken in einer konstanten Staubwolke von der befahrenen Piste.

So fahren wir bald zurück zu unserem Camp, wo schon Magi, ein Guide, mit Pferden für einen Ausritt auf uns wartet. Es wird ein netter Ausflug durch die Prärie, und Magi zeigt uns einen Schamanenkult nachdem wir einen Pfahl dreimal im Uhrzeigersinn umrunden müssen und bei jeder Umrundung einen Stein auf den Haufen werfen, der den Pfahl umgibt.

Heute ist Donnerstag, der 5. Juli, und es hat am Morgen geregnet. Die Vorhersage bleibt schlecht. Jetzt fahren wir. Über Murun nach Shine Ider, wo wir am See in einem Ger Camp landen wollen. Hoffentlich wird’s nicht zu nass!

3 Gedanken zu “15 Der Nordwesten der Mongolei mit Sozia

  1. veronikaschmidt1965 schreibt:

    Ihr lieben zwei Reiselustigen, mit großer Freude lesen wir-atmen wir ein-jjeden Bericht aus der Ferne von Euch. Ich weis nicht, wer mehr Glück von Euch hat…
    🍀Wolfram mit seiner Ariane, die immer wieder die Reise-Situation auf schnellstem Wege rettet !!!
    🍀 oder
    🍀 Ariane, die mit ihrem Wolfram die wunderbarsten Natur- Schauspiele erleben darf. Euch Beiden weiterhin viel Glück, Sonne, trockene Pisten, Romantik pur.
    Wir denken an Euch und senden 1000 liebe Grüße, 🌈✨🍀💕🌞, herzlichst, Veronika&Oliver

    Gefällt mir

  2. tatjanaphysiogmxde schreibt:

    Hallo Wolfram , hallo Ariane, ich freue mich sehr für euch , dass ihr sooo eine schöne und wunderbare Reise zusammen macht , wie du schon geschrieben hast ., Wolfram zusammen ist es viel schöner ! Ariane sieht sehr glücklich und entspannt aus , du ja so wieso immer .Toll ! Genießt die Zeit , ich wünsche euch auch tolles Wetter und viel viel Freude beim Weiterkommen durch den geplanten Weg der Mongolei . Liebe Grüße von Tatjana! Die Fotos sind sehr toll und interessant. 👍👍👍👍

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s